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21.08.2017

Zeitung: Mutmaßlicher Todesfahrer von Barcelona geschnappt

Nach dem 22 Jahre alten Marokkaner Younes Abouyaaquoub wurde in ganz Europa gefahndet. Nur der Airbag stoppte den Todesfahrer von Barcelona. Rolle des verschwundenen Imams wird untersucht.

Der mutmaßliche Attentäter von Barcelona soll einem Medienbericht zufolge festgenommen worden sein. Younes Abouyaaqoub sei gefasst worden, berichtete die Zeitung La Vanguardia am Montag.

Nach dem Terroranschlag in Barcelona und dem vereitelten Anschlag in Cambrils mit mindestens 15 Toten hatten die spanischen Behörden den Attentäter von Barcelona am Montag identifiziert. In ganz Europa wurde daraufhin nach dem Fahrer des Tatfahrzeugs, den 22 Jahre alten Marokkaner Younes Abouyaaquoub aus Ripoll, gefahndet. Zugleich wurden weitere erschreckende Ergebnisse der Ermittlungen bekannt. So etwa, dass der Marokkaner nur durch die Sicherheitseinrichtungen des Autos vom weiteren Morden abgehalten wurde. Der Airbag des Autos löste sich nach der etwa 500 Meter andauernden Todesfahrt über die Ramblas aus, vermutlich durch die schnelle Abfolge von Zusammenstößen mit Passanten. Auch die Elektronik des Autos reagierte auf die tödlichen Kollisionen und blockierte den Motor. Nur deshalb wurde der Täter gezwungen, das nicht mehr startbare Auto zu verlassen und zu Fuß zu flüchten.

Opferzahl gestiegen

Zudem ist die Zahl der Opfer gestiegen und zwar von 14 auf 15. Es gelte inzwischen als erwiesen, dass der flüchtige Attentäter Abouyaaquoub nach seiner Terrorfahrt in Barcelona einen 34-jährigen Spanier erstochen habe, sagte der katalanische Innenminister Joaquim Forn am Montag.

Durchsuchungen in Ripoll

Die Polizei hat außerdem erneut eine Wohnung in Ripoll durchsucht. In den frühen Morgenstunden hätten katalonische Beamte in der Unterkunft im Stadtteil Sant Pere unter anderem zwei Taschen und einen Karton mit Material sichergestellt, berichteten spanische Medien am Montag.

Augenzeugen sprachen demnach von einem "beachtlichen Polizeieinsatz" mit Beamten in Uniform und Zivil. Die örtliche Polizei habe eine Straße in der Altstadt für den Verkehr gesperrt. Mehrere Quellen bestätigten der Tageszeitung La Vanguardia, während des Einsatzes sei "großer Lärm" zu hören gewesen.

Auto von Cambrils in Frankreich geblitzt

Das beim vereitelten Terrorangriff im spanischen Cambrils genutzte Auto ist indes laut einem Medienbericht weniger als eine Woche zuvor im Pariser Großraum von einem Verkehrsradar geblitzt worden. Der schwarze Audi A3 sei zu schnell gefahren, berichtete die Regionalzeitung Le Parisien am Montag auf ihrer Internetseite. Die Pariser Polizeipräfektur war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Wie die Zeitung unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, gebe es in dem Fall zurzeit keine Anhaltspunkte für Verbindungen nach Frankreich. Nach der Terrorattacke in Barcelona kam es zu dem vereitelten Angriff in der südlich gelegenen Küstenstadt Cambrils, dabei wurde eine Frau von den Verdächtigen auf der Flucht überfahren.

Verschwundener Imam gilt als Kopf der Terrorzelle

Erst am Samstag hatte die Polizei in Ripoll das Haus eines Imams durchsucht, der als möglicher Kopf der zerschlagenen Terrorzelle gilt. Abdelkady Es Satty hatte bis Juni in einer Moschee in dem Ort rund 100 Kilometer nördlich von Barcelona gepredigt. Der Geistliche kam möglicherweise bei einer Explosion in Alcanar ums Leben, wo die Terroristen ihre Anschläge vorbereitet haben sollen.

Es Satty wird verdächtigt, die jungen Männer hinter den Anschlägen von Barcelona und Cambrils radikalisiert zu haben. Es Satty wohnte in der Kleinstadt Ripoll in Katalonien. Von dort und von dem Ort Alcanar aus soll die zwölfköpfige Terrorzelle aus agiert haben. Ein Einwohner Ripolls sagte, seit der Imam Es Satty vor zwei Jahren in den Ort gekommen sei, habe es dort einen "Wandel" gegeben.

Es Satty wurde seit Dienstag nicht mehr gesehen. Nach Informationen von " El Pais" wurde er möglicherweise bei der Explosion eines Hauses in Alcanar getötet. In dem Haus hortete die Terrorzelle laut Polizei mindestens 120 Gasflaschen - offenbar waren damit noch weitaus verheerendere Anschläge, unter anderem auf die Kathedrale Sagrada Familia, eines der Wahrzeichen von Barcelona - geplant. Durch die Explosion in der Nacht auf Donnerstag wurden die ursprünglichen Anschlagspläne offenbar durchkreuzt.

Die 61-jährige französische Rentnerin Martine Groby, die neben dem Haus in Alcanar wohnt, sagte der Nachrichtenagentur AFP, sie habe seit April vier Männer gesehen, "die alle französisch sprachen". Sie seien gekommen und gegangen und hätten Waren entladen.

>>> Terrorzelle in Barcelona: Vom Imam zu Killern gemacht

Bekannter über Attentäter: "Waren ruhige Leute"

Tage nach den Terroranschlägen von Barcelona und Cambrils herrscht bei Bekannten und Verwandten der mutmaßlichen Attentäter noch Unglauben. "Sie führten ein ruhiges Leben", sagte ein 35-Jähriger - ebenso wie die Mitglieder der Terrorzelle - gebürtiger Marokkaner, der in der nordspanischen Stadt Ripoll lebt, der spanischen Zeitung "El Pais" (Online) am Montag.

"Niemals hätte ich sie verdächtigt", so der Mann. "Sie sprachen perfekt Spanisch und Katalanisch." Er vermutete, ebenso wie die spanische Polizei, den Imam Abdelbaky Es Satty hinter der Radikalisierung der jungen Männer. Er selbst sei zwar auch in die Moschee gegangen, habe aber von dem Imam nie ein Wort zur Terrororganisation "Islamischer Staat" gehört, sagte der Marokkaner zu "El Pais". "Ich glaube diese Botschaften sind in einer Wohnung in Barcelona vermittelt worden, nicht in der Moschee."

Wie die spanische Zeitung " El Mundo" berichtete, konnte die aus vermutlich zwölf Mitgliedern bestehende Terrorzelle bereits in den vergangenen sechs Monaten ungestört an der Vorbereitung der Anschläge arbeiten. Der katalanische Polizeichef Josep Lluis Trapero bestätigte, dass es im Zusammenhang mit dem Haus in Alcanar, in dem die Männer die Taten vorbereiteten, keine "merkwürdigen" Vorfälle gegeben habe, die Polizei deshalb auch nicht aktiv wurde.

Großvater: "Hat nichts mit marokkanischer Kultur zu tun"

Aqbouch Abouyaaqoub, Großvater des Hauptverdächtigen, Younes Abouyaaqoub, entschuldigte sich gegenüber dem El Pais für die Tat seines Enkels: Diese habe "nichts mit der marokkanischen Kultur oder Tradition zu tun". Er betonte, dass seine Enkel das Land in sehr jungem Alter verlassen und dort ihre Ausbildung gemacht hätten.

>>> Die fremden Nachbarn aus Nordafrika

In Marokko wurden in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder Terrorzellen aufgespürt und zahlreiche Verdächtige festgenommen, die Attentate in und außerhalb des Landes geplant hatten.