Politik | Ausland 27.01.2015

"Nicht als Mensch, sondern als Wanze gesehen"

© Bild: AP/Czarek Sokolowski

Der Vizepräsident der Auschwitz-Gedenkstätte mahnt, aus den Ereignissen damals die Lehren für heute zu ziehen.

KURIER: Sie waren in Auschwitz inhaftiert und sind heute Vizepräsident im Internationalen Rat der Gedenkstätte. Was ist aus Ihrer Sicht an den diesjährigen Feierlichkeiten zur Befreiung von Auschwitz von Bedeutung?

Marian Turski: Ich denke, dass es wichtig ist, dass vor allem Häftlinge sprechen werden und nicht Politiker. Wir, die Überlebenden, sind es, die den Menschen der zweiten und der dritten Generation das Gedenken antragen. Es ist nun entscheidend, welchen Einfluss die Überlebenden auf die Erinnerung haben.

Was lernen wir von dem Gedenken an Auschwitz?

Wir in Europa sind mit der Überzeugung aufgewachsen, die Geschichte ist der Lehrer des Lebens. Doch ist das so? Sehen wir von Ruanda und Kambodscha mal ab, vielleicht haben diese Menschen nichts von Auschwitz gehört. Doch denken wir mal an den Krieg auf dem Balkan in den 90er-Jahren. Wichtig ist, jede Gelegenheit zu nutzen, um zu reflektieren, was man heute tun kann. Darum ist es für mich auch wichtig, dass wir heute daran denken, was vor hundert Jahren in der Türkei passiert ist (Genozid an den Armeniern, Anm.).

Was sagen Sie zu dem Schlagwort "Nie wieder (Auschwitz)"?

Ich benutze diese Wendung nie. Das ist eine edle Sehnsucht. Ein an der Grenze der Banalität guter Wunsch.

Sie meinten hingegen oft, dass Empathie sehr wichtig sei.

"Empathie", das bedeutet, Verständnis für einen anderen Menschen zu haben. Das bedeutet nicht, seine Sicht zu teilen, sondern zu verstehen, was ihn bewegt. Was mich immer beschäftigt hat, ist, wie der Prozess der Verrohung verläuft. Darum halte ich das Denkmal "Orte der Erinnerung" in Berlin für sehr, sehr groß. Es zeigt mittels Schildern die Etappen auf dem Weg, "den Juden" zu töten. Es beginnt ganz unschuldig mit dem Verbot, einen Park zu betreten. Der nächste Schritt ist die Anfeindung, Stigmatisierung, Gettoisierung, Konzentrationslager, Endlösung. Ein deutsches Kind wurde damals entsprechend geprägt, anfangs im Kindergarten, dann in der Hitlerjugend. Es muss das, was kam, als normal angesehen haben, dass man mich nicht als Mensch, sondern als Wanze ansieht, die man vernichten muss. Deswegen muss man den anderen verstehen, um dies zu vermeiden. Darum interessiere ich mich dafür, was schreiben sie in den Schulbüchern von Israel und in Palästina, denn gerade dort beginnt Empathie oder der Mangel an Empathie.

Sie sind Überlebender des schrecklichsten Ereignisses der Geschichte, gleichzeitig arbeiten Sie als Historiker. Geraten Sie da manchmal in einen Konflikt?

Zeitzeugen sind subjektiv. Die Beurteilung der Wahrheit ist durch den Augenzeugen anders. Da ich Historiker bin, versuche ich das zu rationalisieren. Ich versuche, das Allgemeinwissen, die Wissenschaft und das persönlich Erlebte zu trennen. Aber nicht immer bin ich dazu in der Lage.

Was ist für Sie das Zeichen der Hoffnung?

Früher dachte ich, ich sollte sehr viele Bücher schreiben. Doch wie viele gute Autoren sind nach 20 Jahren schon vergessen? Ich weiß nicht, ob meine Erinnerungen so wichtig sind. Doch dass es das "Museum zur Geschichte der polnischen Juden" gibt, zu dessen Entstehung ich beigetragen habe, das ist eine große Befriedigung. Der 28. Oktober 2014 , als die Hauptausstellung des Museums eröffnet wurde, war einer der glücklichsten Tage meines Lebens.

Marian Turski, geboren 1926 in Druskininkai (heute Litauen), kam als polnischer Jude während der deutschen Besatzung 1942 ins Getto Lodz, später in das Vernichtungslager Auschwitz. Er überlebte Anfang 1945 die Todesmärsche in die Konzentrationslager Buchenwald und Theresienstadt.

Nach dem Krieg studierte er in Warschau Geschichte und ist heute noch in dem liberalen Nachrichtenmagazin Polityka als Journalist tätig. Turski ist Vizepräsident des "Internationalen Auschwitz-Komitees" sowie Vorsitzender des Rates des Museums der polnischen Juden in Warschau.

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Fischer und Faymann vertreten die Republik

Als Leonti Brandt an jenem Jännertag ins Lager kam, da qualmten die Öfen noch, und die „Skelette“, die ihm in Decken entgegenwankten, schienen nicht zu begreifen, wer da gerade durch das Lagertor gefahren kam.

Leonti Brandt war einer jener Rotarmisten, die am 27. Jänner 1945 das Vernichtungslager Auschwitz befreit haben. Und wenn heute, Dienstag, die politischen Vertreter von fast 40 Nationen auf dem Gelände der ehemaligen NS-Vernichtungsfabrik an die sich zum 70. Mal jährende Befreiung erinnern, so stehen nicht sie, sondern all jene im Mittelpunkt, die das Vernichtungslager überlebt haben. 300 frühere Häftlinge kommen an den Ort ihres Martyriums zurück, sie wollen insbesondere das Andenken an jene rund sechs Millionen Juden bewahren, die im Zuge der Shoa auf dem ganzen Kontinent ermordet worden sind.
Politische Ansprachen sind nicht geplant – lediglich Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski soll am Beginn der Gedenkfeier im Festzelt eine kurze Rede halten.
Putin fehltDass ausgerechnet Russlands Präsident Wladimir Putin den Feiern fern bleibt und seinen Botschafter und Präsidialamtschef nach Polen schickt, gehört zu den irritierenden Aspekten der Veranstaltung (der KURIER berichtete).

Österreich wird durch Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Werner Faymann vertreten. Fischer wird bereits zu Mittag österreichische Gedenkdiener treffen (Zivildiener, die in Auschwitz Dienst tun). Am Nachmittag folgen Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen auf den Geländen der Vernichtungslager Auschwitz I und II. Höhepunkt der Feier ist eine rund einstündige Lichterzeremonie beim Totendenkmal: Seite an Seite werden Überlebende, Staats- und Regierungschefs, Vertreter der Gedenkstätte sowie sechs Jugendliche Kerzen entzünden, um so an die im Holocaust ermordeten Menschen zu erinnern.

Erstellt am 27.01.2015