Politik | Ausland 05.12.2011

Augenzeuge berichtet aus Tripolis

© Bild: rts

In Libyens Hauptstadt gibt es Freudenfeuer, aber auch Angst vor einer Gegenoffensive Gaddafi-loyaler Militärs.

Seit Sonntag 17 Uhr liegt mein Haus in Freiheit", sagt Abdrouf M., Bürger von Tripolis, müde, aber glücklich dem KURIER. "Alles hier ist normal", sagten zu diesem Zeitpunkt jene, die bis zum bitteren Ende auf der Seite des Regimes standen.

Gegen 16 Uhr waren am Sonntag die ersten Rebellen in den Westen der großflächigen Zwei-Millionen-Stadt eindrungen und rückten ohne jede Gegenwehr bis zu M.s Haus vor - nachdem die letzte Kaserne vor der Stadt binnen einer Stunde eingenommen worden war. "Die Gaddafi-Leute waren anscheinend längst weg. Wo sind die alle hin? Wo verschanzen sich die? Wo werden sie ihre Gegenoffensive starten?", fragt sich M.

"Nach Einbruch der Dunkelheit kam ein großer Schwung an Rebellen aus dem Westen. Richtig gefürchtet habe ich mich, als im Nebenhaus Kämpfe ausbrachen. Das waren Aufständische gegen ein paar kleine Widerstandsnester."

Märtyrerplatz

Auf dem geschichtsträchtigen Grünen Platz, den die Aufständischen in Märtyrerplatz umbenannten, haben sich die ersten Feiernden vor Mitternacht eingefunden, alle Gaddafi-Bilder von den Wänden gerissen und auf den Fetzen getanzt. "Dann sind die Leute aber schnell wieder verschwunden, nachdem das Gerücht aufkam, eine Gegenoffensive würde an
rollen." Geschlafen hat M. die ganze Nacht nicht, weil es dauernd Schüsse, aber auch Freudenfeuerwerke gab - besonders, als sich herumgesprochen hatte, dass der Österreich-Freund Saif al-Islam Gaddafi festgenommen worden sei. "Wir haben ausgiebig gefeiert mit den neuen Freiheitskapperln und der neuen Flagge. Eigentlich möchte ich jetzt nur schlafen, bin aber zu aufgeregt."

Ein großer Trupp von Freiheitskämpfern wurde am Montag aus dem Süden in Tripolis erwartet. Und manch einer befürchtete sehr wohl noch ein Blutbad. Im Minutentakt nahmen die neuen Herren Regierungsleute und Geheimdienstler fest. "Es fehlt aber noch der große Meister", sagte M. Montagmittag zynisch. Zeitgleich lamentierte Gaddafis Pressesprecher, man habe "binnen elf Stunden 1300 Tote in der Hölle von Tripolis" gezählt. "Die Spitäler sind überfordert mit den Tausenden Verwundeten."

Und Österreichs Wirtschaftsdelegierter David Bachmann, der Libyen vorübergehend den Rücken kehren musste, sagt: "Österreichische Firmen sollen auch in diesen Tagen ihre Geschäftspartner in Libyen nicht vergessen."

Erstellt am 05.12.2011