Satiriker Dieudonné

© AP/Remy de la Mauviniere

Politik | Ausland
01/08/2014

Auftrittsverbot für "Hass"-Maschine Dieudonné

Frankreichs Regierung zieht die Notbremse: Keine Bühne mehr für den antijüdischen Hetzer Dieudonné.

Dieudonné Mbala Mbala, Sohn eines Kameruners und einer Bretonin, war einer der ersten und erfolgreichsten französischen Comedian-Talente mit Migrationshintergrund. Heute ist er ein rabiater und einflussreicher Judenhasser, gegen den Frankreichs sozialistische Staatspitze mit Auftrittsverboten vorzugehen versucht.

Seit der populäre Innenminister Manuel Valls, Ende Dezember, ankündigte, es sei nötig die „Hass-Maschine Dieudonné“ zu „zerbrechen“, schaukelt sich die öffentliche Auseinandersetzung von Tag zu Tag weiter auf. Am Donnerstag sollte eine Provinz-Tournee von „Dieudo“, wie er von seinen Anhängern genannt wird, beginnen. Ein Teil der vorgesehenen Stadthallen mit einem Fassungsraum von jeweils 5000 Plätzen waren bereits ausverkauft. Aber die Behörden und fast alle betroffenen Bürgermeister haben Verbote erlassen, die sich auf ein diesbezügliches Rundschreiben von Minister Valls stützten. Dagegen haben wiederum die Anwälte von Dieudonné Einspruch erhoben. Der Ausgang des Rechtsstreits ist ungewiss, nachdem Dieudonné bereits in der Vergangenheit mehrfach Verbote durch Bürgermeister erfolgreich anfechten konnte.

Spottlied

Allerdings wurde Dieudonné auch bereits mehrfach rechtskräftig wegen Verhetzung verurteilt. Zuletzt weil er ein Spottlied auf den Holocaust („Shoah-Ananas“) nach der Melodie eines populären französischen Schlagers komponierte und bei seinen Veranstaltungen gemeinsam mit seinem Publikum anstimmte. Zuvor hatte er das Gedenken an die Ausrottung der Juden als „Erinnerungs-Pornographie“ bezeichnet und einen prominenten Holocaust-Leugner aufs Podium geladen und bejubeln lassen. Weniger bekannt sind in der breiten Öffentlichkeit die internationalen Verbindungen des vorgeblichen Komikers. So besuchte er den vormaligen iranischen Staatschef Mahmoud Ahmadinedschad. Bei dieser Gelegenheit, bescheinigte er einem Sender des Mullah-Regimes, dass die Juden jeweils gegen die Propheten des Islams und des Christentums Komplotte angezettelt hätten, und es nunmehr an der Zeit wäre, dass sich die beiden Weltreligionen gegen das Judentum vereinigten.

Zurzeit ist ein Verfahren anhängig, weil Dieudonné bezugnehmend auf einen jüdisch-stämmigen Radio-Journalisten sinngemäß bedauerte, dass es keine Gaskammern mehr gebe. Und in einer Art Neujahrsbotschaft ließ er verlauten, dass es schließlich nicht so klar wäre, ob nun die Nazis die Juden angegriffen hätten oder umgekehrt.

Trotz dieser Überlast an einschlägigen Erklärungen wollen viele noch immer Dieudonné nicht als Judenhasser, sondern nur als frechen Tabubrecher sehen, der bloß den Mächtigen einheizen würde. Dass hängt mit dem Beginn seiner Laufbahn zusammen, als er gemeinsam mit einem jüdischen Komiker, tatsächlich nach allen Seiten hin spöttelte, und dass er noch heute, einen Teil seiner Auftritte so gestaltet, dass die anti-jüdischen Attacken eingebettet in einem Schwulst von allgemeinem, rohem Klamauk manchmal kaum auffallen.

Meisterhaftes Doppelspiel

Eine Meisterleistung des propagandistischen Doppelspiels brachte Dieudonné bei der Verbreitung eines Erkennungszeichens seiner Fans zustande: ein nach unten durchgestreckter rechter Arm auf dem die linke Hand ruht. Die Geste stammt aus einem Film von Stanley Kubrick von 1964 („Doktor Seltsam“), in der ein Wissenschaftler und ehemaliger Nazi einen reflexartigen Hitlergruß jedes Mal mit seiner linken Hand unterbricht. Dieser verdeckte NS-Gruß wurde von Dieudonné hauptsächlich als obszön-provokante Geste „gegen den A… des Systems“ präsentiert, und nur gelegentlich aufgeladen mit einer Bemerkung über die „zionistische Lobby“, die „Frankreich beherrschen“ würde.

Tausende Fans ließen sich inzwischen mit dieser Geste ablichten und stellten ihre Fotos ins Web. Der harte Kern seiner Anhänger machte diese Eigen-Fotos mit gebremsten Hitlergruß vor Gedenkstätten für NS-Opfer, etwa in Auschwitz oder vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal, vor Synagogen und vor der jüdischen Schule in Toulouse, in der im März 2012 ein junger Franko-Algerier drei Kinder und einen Lehrer erschoss.

Muslimisches Ressentiment anstacheln

Innenminister Valls begründet seine Vorgangsweise gegen Dieudonné auch mit dem Verweis auf die Gefahr des gewaltschwangeren anti-jüdischen Ressentiments eines Teils der franko-arabischen Jugend in den sozialen Krisenvierteln. Tatsächlich erdulden Juden in diesen Vierteln immer wieder Drohungen und auch tätliche Attacken.

Die Judenfeindschaft eines Teils der muslimischen Jugendlichen aus arabischen und afrikanischen Familien, die bereits aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt gespeist wird, stachelt Dieudonné noch zusätzlich an: und zwar in dem er den Franko-Arabern und Franko-Afrikanern versichert, man würde den Leiden ihrer Vorfahren in der Kolonialzeit und ihrer gegenwärtigen Diskriminierung etwa auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich kaum Aufmerksamkeit schenken, weil „die Juden eine Monopolstellung als Opfer“ beanspruchen würden. Das ist besonders infam, weil sich Juden in allen Anti-Rassismus-Bewegungen zugunsten der Gleichstellung der Franko-Araber und Franko-Afrikaner überproportional engagierten, und weil die jüdischen Gemeinde-Vertreter immer wieder die Anbiederungsbemühungen der Rechtaußenpartei „Front National“ zugunsten eines anti-islamischen Schulterschluss ablehnten.

Taufpate Jean-Marie Le Pen

Während umgekehrt Dieudonné, ursprünglich ein Gegner des „Front National“, ab 2006 die Nähe ihres seinerzeitigen Parteichefs Jean-Marie Le Pen suchte und fand. So erkor Dieudonné den rechtsrechten Tribun zum Taufpaten einer seiner Kinder. Jean-Marie Le Pen und die Vertreter der rechtesten Kräfte innerhalb des „Front national“ ließen sich mit dem Dieudonné-Gruß fotografieren. Der jetzigen Parteichefin, Marine Le Pen, die sich zurzeit um Distanz gegenüber diesem rechtesten Parteiflügel bemüht, ist diese demonstrative Nähe ihres Vaters Jean-Marie zu Dieudonné aber eher peinlich.

Allerdings stößt die Initiative von Valls gegen Dieudonné, die von Staatschef Francois Hollande unmissverständlich unterstützt und von einem Großteil der bürgerlichen Opposition gutgeheißen wurde, in linken und auch SP-nahen Kreisen auf Unbehagen.

Einmal, weil SP-Politiker befürchten, dass dieses Vorgehen gegen einen Promi mit afrikanischen Wurzeln von etlichen Franko-Afrikanern und Franko-Arabern als einseitig interpretiert werde, und Dieudonné erst recht als Märtyrer des Politestablishments aufwerten könnte. Vor allem aber halten angesehene Persönlichkeiten wie etwa der sozialistische

Ex-Kulturminister Jack Lang, der selber aus einer jüdischen Familie stammt, das Auftrittsverbot für Dieudonné aus grundsätzlichen Erwägungen für den falschen Weg, um ihn zu bekämpfen: „Das Rundschreiben (von Valls) ist nicht gesetzeskonform“, meint Lang, weil „die Freiheit an vorderster Stelle kommt, und für ihre Einschränkung echte Gründe vorliegen müssen“. Diese wären bei einem Auftritt, der noch gar nicht stattgefunden habe, nicht zu beweisen.