ÖVP-Schulexperten Plötzeneder (vorn) und Haslauer für Prüfung.

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Gesamtschule
11/13/2013

Schulstreit: Aufnahmetests für AHS als Hürde

Für die SPÖ bleibt ein Aufnahmetest fürs Gymnasium ein No-Go. ÖVP will Streitfrage vertagen.

von Karin Leitner

Jahrelang kämpften sie ideologisch gegeneinander. Der Schlachtruf der SPÖ: Die Gesamtschule muss her! Der Schlachtruf der ÖVP: Das Gymnasium ist zu erhalten! Jetzt soll Friede einkehren. Die roten und schwarzen Bildungsreformer suchen einen Kompromiss. Viel Zeit ist nicht; Anfang Dezember soll die neue Koalition stehen.

Die ÖVP gibt sich entgegenkommend. Ihr Chefverhandler Wilfried Haslauer hat SPÖ-Chefverhandlerin Gabriele Heinisch-Hosek diesen Plan präsentiert: 70 Prozent der Kinder sollten fortan in eine „Neue Mittelschule“ (für Zehn- bis 14-Jährige) gehen, der Rest in achtjährige Gymnasien mit Spezialisierung – von Sport über Naturwissenschaften bis Sprachen. Derzeitige Voraussetzung für eine gymnasiale Karriere: In der 4. Klasse Volksschule ein „Sehr gut“ oder „Gut“ in Deutsch und Mathematik. Bei einem „Befriedigend“ entscheidet die Schulkonferenz über AHS-Wohl oder -Wehe.

Haslauer und sein Parteifreund, der Salzburger Landesschulratspräsident Johannes Plötzeneder, wollen das ändern. An eine Schwerpunkt-AHS solle nur kommen, wer eine Aufnahmeprüfung besteht. Der Vorteil für den Präsidenten: „Der Druck auf Volksschullehrer, ein ,Sehr gut‘ oder ,Gut‘ zu geben, würde wegfallen. Der ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden.“

Dass damit „ein Zettel Papier“ über den weiteren Lebensweg von Neunjährigen entscheiden würde, wie SJ-Chef Wolfgang Moitzi meint, bestreitet Plötzeneder: „Es soll nicht nur einen punktuellen Test geben, sondern im Vorfeld eine Potenzialanalyse. Eine gewisse Zeit lang wird beobachtet, wie sich das Kind entwickelt, welche Stärken und Schwächen es hat.“ Konkretes ist offen. Eine „Richtungsweisung“ wäre das für Eltern, urteilt Plötzeneder via KURIER: „Das Kind soll ja im richtigen Schultyp sitzen. Derzeit werden insgesamt Millionen für private Nachhilfe ausgegeben.“ Der Test sei ebenfalls besser als der Status quo: „Auch ein Kind mit einem Dreier kann ins Gymnasium gehen, wenn es ihn besteht.“

Nicht Fortschritt, sondern „ein Rückschritt in die bildungspolitische Steinzeit“ wäre eine Prüfung für die SPÖ. Im Übrigen würden dadurch die Gymnasien erst recht einzementiert.

Bitte warten?

Ob der Differenzen werden Rote und Schwarze wohl nicht bereits am Donnerstag, wenn sie wieder tagen, handelseins werden. Oberösterreichs Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer, ÖVP-Mitverhandler, bezweifelt gar, dass das vor Weihnachten möglich ist: „Man könnte es sich für eine bestimmte Zeit vornehmen.“ Das heißt: Die neue Regierung sollte sich, unterstützt von Fachleuten, der Causa annehmen – samt Deadline für eine Einigung.

Die SPÖ will das nicht: Es wäre „kein gutes Signal“, ein derart wichtiges Bildungsthema aufzuschieben.

Schul-Aufnahmetest muss sein, aber später

Ein paar Mathematikaufgaben, ein Aufsatz, Wissensfragen: Die Generation 50 plus war die letzte, die eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium bestehen musste. Getestet wurden das Nervenkostüm und die Qualität der Volksschule. Der Streit ums Budgetloch ist noch nicht ausgestanden, da tut sich neuer Popanz auf: Die ÖVP will den Test wiederbeleben. Die SPÖ zetert gegen „einen Rückfall in die bildungspolitische Steinzeit“.

Die Aufnahmetests waren zwar Geschichte, Zugangshürden existieren aber in neuer Verkleidung: Heute entscheiden die Volksschul-Noten, wer Richtung Hauptschule/Neue Mittelschule und wer Richtung Matura abbiegen darf. Eine Prüfung vor allem für die Eltern: Wer schafft es zu überzeugen, dass sein Kind reif fürs Superzeugnis und damit fürs Gymnasium ist.

Leistung als Messlatte für Lebensweichen ist wichtig und richtig. In Sachen Bildung kommt sie mit 10 Jahren aber entscheidend zu früh – ob als simple Aufnahmeprüfung oder als Test der sozialen Durchsetzungsfähigkeit.

Hinter dem neuen Symbol-Streit um die Aufnahmeprüfung steht die alte Debatte: Kann die Weichenstellung in Sachen Schule für alle Richtung 14 verlagert werden, ohne das hohle Gespenst der „Eintopfschule“ zu reanimieren? Einen guten Anfang für eine geistvollere Debatte setzte mit Oberösterreichs Landesschulratspräsidenten Enzenhofer ein prominenter VP-Verhandler: Die gemeinsame Schule ist längst kein pädagogisches, sondern primär ein sozialpolitisches Thema.

Soll heißen: Speziell in Städten mit hohem Migrantenanteil samt Sprachproblemen wie in Wien tun sich hier soziale Barrieren auf. Alsdann her mit vernünftigen Lösungen statt Scheindebatten um neue Aufnahmetests.

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