Marine Le Pen

© REUTERS/ROBERT PRATTA

Frankreich
01/08/2015

Gefahr der Zermürbung der Zivilgesellschaft

Islamisten-Terror einer winzigen Minderheit verunsichert das Land und stellt es vor schwere Herausforderung.

von Danny Leder

Hält die französische Gesellschaft stand oder zerbricht sie unter den Schlägen der winzigen Irrläuferkreise, die sich an der Schnittstelle zwischen gewalttätiger Grätzelbande, hochgerüsteter Unterwelt und Web-inspiriertem Dschihadismus bewegen? Das ist die Frage jenseits der aktuellen französischen und globalen Empörung.

Zwar sind sämtliche politischen und religiösen Würdenträger, unter ihnen selbstverständlich auch die muslimischen, zur Stelle, um die Einheit der Nation zu beschwören. Aber die eigentliche Substanz der Zivilgesellschaft, ihr aktivster und im weitesten Sinn humanistisch ausgerichteter Kern, zu dem auch Charlie Hebdo zählt, wurde in den vergangenen Jahren zermürbt.

Die Gründe sind vielfältig. Mehrfache islamistische Anschlagswellen haben den Erfahrungshorizont mehrerer Generationen verdunkelt. Die laufenden anti-jüdischen Gewaltakte haben die Anti-Rassismus-Szene zerrissen. Und zwar zwischen jenen, die auf die anti-jüdischen Taten heftig reagierten, und jenen, die sich zurückhaltend zeigten, aus Sorge vor einer Stigmatisierung der bereits benachteiligten muslimischen Vorstadtjugend.

Chronische Krise

Tatsächlich sind die jungen Muslime unter den Hauptleidtragenden der chronischen Krise des französischen Arbeitsmarkts. Das Ausbleiben jeder Aufhellung hat die Glaubwürdigkeit der regierenden Sozialisten und der zuvor amtierenden Bürgerlichen schwerstens erodiert.

In diesem Klima gedeihen (bei den Muslimen) religiöse Abkapselung und (bei der Mehrheit) die Nationalistin Marine Le Pen. Umfragen weisen die Franzosen im weltweiten Pessimismus-Ranking als Rekordhalter aus. Auch bei TV-Debatten stehlen rechte Untergangspropheten den Intellektuellen des Zentrums und der Linken die Show. Während in der Parallelwelt des Webs antisemitische Verschwörungstheoretiker und islamistische Einpeitscher ein hunderttausendfaches Publikum finden.

All diese Faktoren beeinträchtigen das vertrauensvolle Durchhaltevermögen der Bevölkerung. Darauf kommt es aber an, um nicht in die Falle der Dschihadisten-Führer zu tappen. Deren verrücktes Ziel ist die Aufsplitterung Frankreichs in ethno-religiöse Bürgerkriegsparteien, ihr Vehikel ist der Terror durch Kleinstgruppen (wie bei den jetzigen Attentätern), die auch durch eine optimale Behördenkontrolle nicht komplett ausgeschaltet werden können.Aber andererseits hat die französische Gesellschaft immer wieder ihre Regenerationsfähigkeit unter Beweis gestellt. Ein neuer Schulterschluss um die jüngsten Opfer ist denkbar: Unter ihnen befanden sich drei Muslime – zwei Redakteure von Charlie Hebdo und ein Polizist.

Die aktuellen Entwicklungen aus Frankreich gibt es hier - Großfahndung im Norden.

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