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Serie Teil 8
11/09/2014

Auch Kohl ahnte nichts vom Fall der Mauer

9. November 1989 nachmittags. Helmut Kohl landet in Warschau. Als Bonner ORF-Korrespondent durfte ich in seiner Begleitung zu diesem bedeutenden Staatsbesuch mitfliegen. Doch plötzlich geht es nicht mehr um das deutsch-polnische Verhältnis, sondern um die Zukunft Europas.

von Helmut Brandstätter

Aus heutiger Sicht verlief alles logisch in diesem Herbst 1989. Und das Reporterglück hatte mich zu allen wichtigen Stationen der deutschen Revolution geführt. Anfang September war ich bei der Messe in Leipzig, wo auch die westlichen Manager schon genau auf die Veränderungen in der DDR achteten. Am 7. Oktober berichtete ich aus Berlin, Hauptstadt der DDR, wie das offiziell hieß. Der Staat, den die Mehrheit seiner Bürger nicht mehr wollte, feierte seinen 40. Geburtstag. Im Schneideraum des DDR-Fernsehens achtete die Cutterin genau darauf, dass wir die stärksten Bilder der nächtlichen Demonstration verwendeten. "Gorbi, hilf uns", riefen einige Tausend, doch als der sowjetische Reformer in der Nacht ins Flugzeug stieg, prügelten die Agenten der Staatssicherheit erst recht los.

Die Berliner Mauer im Detail: Die interaktive Grafik finden Sie hier.

Und dann ging es jeden Montag zu den Kundgebungen nach Leipzig. Die Lufthansa flog inzwischen direkt von Frankfurt in die sächsische Messestadt, und der österreichische Dienstpass erlaubte die Einreise ohne Visum und ohne lästige Kontrollen. Am 16. Oktober warnte mich der Taxifahrer: "Heute wird geschossen." Er wüsste, dass die sowjetischen Truppen in der Umgebung der Stadt in Einsatzbereitschaft waren.

Zwei Kanzler und die Geschichte

Aber alles blieb friedlich, und während Deutsche aus der DDR weiter über Ungarn in den Westen flüchteten, wurde in Bonn ein Staatsbesuch mit historischer Bedeutung vorbereitet. Die friedliche Nachbarschaft mit Polen hatte Willy Brandt im Dezember 1970 mit dem Warschauer Vertrag besiegelt. Unmittelbar vor der Vertragsunterzeichnung war der Kanzler vor dem Mahnmal des Warschauer Gettos niedergekniet. In seinen Erinnerungen schrieb der Sozialdemokrat, der vor den Nazis hatte fliehen müssen: " Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt."

Auch Helmut Kohl wollte bei seinem Besuch in Polen Symbole setzen, er wollte nach Auschwitz und in die Heimat des Grafen Moltke, nach Krzyzowa, wo der "Kreisauer Kreis" ein Zentrum des christlichen Widerstands gegen Hitler gebildet hatte. Aber Polen war im Herbst 1989 schon mitten im Umbruch. Es gab mit Wojciech Jaruzelski noch einen kommunistischen Staatspräsidenten, aber seit August war der Katholik Tadeusz Mazowiecki Premierminister. Mit dem Demokraten wollte Kohl fünfzig Jahre nach dem Überfall Hitlers auf Polen eine deutsch-polnische Freundschaft nach dem Vorbild des engen Verhältnisses zu Frankreich begründen.

Am Nachmittag des 9. November 1989, die Mauer war noch zu, zeigte sich, dass die kriegerische Geschichte auch zwischen den beiden einander ideologisch nahe stehenden Regierungschefs stand. Bei ihrem ersten Gespräch ging es sogleich um die Westgrenze Polens an den Flüssen Oder und Lausitzer Neiße. Mazowiecki verlangte wie seine kommunistischen Vorgänger die Anerkennung dieser Grenze durch die Bundesrepublik, Kohl beharrte auf seinem Standpunkt, wonach ein deutscher Kanzler dies nicht tun könne, solange es keinen gesamtdeutschen Souverän gäbe, wobei Kohl gleichzeitig Gebietsansprüche gegenüber Polen ausschloss.

Die Unterbrechung des Besuchs

Helmut Kohl fuhr am frühen Abend zum Staatsbankett, während wir Journalisten im neuen Hotel Marriott auf das übliche Hintergrundgespräch mit dem Kanzler warteten, wo auch der österreichische Reporter immer willkommen war. "Sie gehören zu uns" , lautete die paternalistisch formulierte Einladung. Über die komplizierte Telefonanlage im Hotel erfuhren wir von der Pressekonferenz des DDR-Funktionärs Günter Schabowski, wo er umständlich über die Möglichkeit von "Privatreisen ohne Vorliegen von Voraussetzungen" fabulierte, und zwar:"Ab sofort".

Helmut Kohl wurde, wie er in seinem Buch "Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung" schreibt, um ca. 21 Uhr von seinem in Bonn verbliebenen Mitarbeiter Eduard Ackermann informiert: "Herr Bundeskanzler, im Moment fällt gerade die Mauer."

Und hier gehen die Erinnerungen etwas auseinander. Kohl sagte später, er habe sofort entschieden, nach Berlin zu reisen. Aber es gab zuvor eine Diskussion, wo der Kanzler betonte, wie schwierig es sein würde, diesen historischen Staatsbesuch abzubrechen. Nach meiner Erinnerung war es der deutsche Kollege Gisbert Kuhn, der meinte: "Herr Bundeskanzler, Sie können den Besuch ja unterbrechen und wieder zurück kommen."

Jedenfalls kam es genau so, wobei ein Direktflug mit der Luftwaffenmaschine des Kanzlers nach Berlin wegen des Sonderstatus der geteilten Stadt nicht möglich war. Also flog Kohl in der Früh nach Hamburg, wo bereits ein Flugzeug des US-Botschafters wartete. Die Berliner Mauer war gefallen, aber noch galten die Nachkriegsregeln.

Auch wir Journalisten wurden zeitig in der Früh zum Warschauer Flughafen gebracht, es wurde uns eine Lufthansa versprochen, die nie kam, des starken Nebels wegen, wie es hieß. So haben wir an diesem historischen Tag nur gewartet, zunächst mit Blick in die Nebelsuppe und dann im Hotel, wo es wenigstens Fernseher gab, Telefonleitungen aber rar und kostbar waren.

Helmut Kohl hat den Tag auch nicht nur in guter Erinnerung. Der Sozialdemokrat Walter Momper, der erst seit dem Frühjahr 1989 nach langer CDU-Dominanz Regierender Bürgermeister von Berlin war, hatte zur Kundgebung vor seinem Amtssitz, dem Schöneberger Rathaus gerufen. Dort war aber nicht nur Jubelstimmung, Gegner des Kanzlers störten seine Rede mit Trillerpfeifen, wobei Kohl sehr besonnen argumentierte: "Wir müssen klug handeln, das heißt, die ganze Dimension der weltpolitischen, europäischen und deutschen Entwicklung zu sehen."

Es wächst zusammen ...

Genau diese Überzeugung, dass die deutsche Einheit nur in enger Abstimmung mit den westlichen Bündnispartnern und dem Kreml realistisch sein könne, bestimmte das Handeln des deutschen Kanzlers in den kommenden Wochen und Monaten. Kohl sprach an diesem Abend auch nicht von Wiedervereinigung, sondern zitierte die Hymne: "Einigkeit und Recht und Freiheit". Walter Momper hingegen betonte: "Es geht jetzt um Wiedersehen, nicht Wiedervereinigung", während Willy Brandt, damals noch Präsident der Sozialistischen Internationale, erstmals das später geflügelte Wort aussprach: "Es wächst zusammen, was zusammengehört."

Helmut Kohl hielt Wort und kehrte am 11. November nach Warschau zurück. Der Nebel hatte sich noch nicht verzogen, also gingen die Reisen nach Auschwitz und Krzyzowa nicht per Flugzeug, sondern im Autobus. Kohl schrieb später über seine Gedanken in dem Vernichtungslager:" Wir wollen nichts von all dem Schrecklichen verschweigen, verdrängen oder vergessen." Ein Auftrag an die deutsche Politik, der ewig gültig bleibt.

Die Fahrt nach Krzyzowa, mehr als 400 Kilometer von Warschau entfernt, begann um drei Uhr Früh und dauerte fünf Stunden. Bei einer kurzen Pause verschwand auch der Kanzler hinter einem Baum. Auf den Feldern marschierten die Bauern hinter den von Pferden gezogenen Pflügen her. Trist wirkten die bescheidenen Häuser im Novembernebel.In Krzyzowa wurde bei bitterer Kälte eine katholische Messe im Freien gefeiert, beim Friedensgruß vor der Kommunion umarmten die beiden Regierungschefs einander.

Das war mehr als eine symbolische Geste. Bundeskanzler Kohl konnte vor seiner Polen-Reise nicht ahnen, dass die Berliner Mauer plötzlich aufgehen würde. Aber aus vielen Gesprächen mit Michail Gorbatschow wusste er, wie kaputt die Wirtschaft in Osteuropa war. Und ihm war bewusst, dass "konföderative Strukturen mit der DDR", von denen er Ende November in seinem 10-Punkte-Programm sprach, nur im Einklang mit dem Westen möglich waren. Die künftige Architektur Deutschlands müsse sich in die künftige Architektur Gesamteuropas einfügen, erklärte Kohl vor dem Deutschen Bundestag, aber gerichtet an seine Partner im Westen und in Moskau.

Dass dann alles viel schneller ging, als es auch Kohl Ende November 1989 vorsah, lag an der wirtschaftlichen Lage in der DDR. "Die D-Mark kommt zu mir, oder ich geh zu ihr", das war die Abstimmung der Ostdeutschen mit den Füßen. Nur elf Monate später, am 3. Oktober 1990 wurde aus zwei verfeindeten Staaten das wiedervereinte Deutschland.

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