Politik | Ausland
10.01.2012

Assad verschuldet einen arabischen Winter

Syriens Staatschef hat aus 2011 nichts gelernt: Sein Sturz wird blutig.

Bashar al-Assad ist ein Auslaufmodell – darüber kann der Jubel seiner Claqueure in der Universität von Damaskus nicht hinwegtäuschen. Seine im Staatsfernsehen übertragene Rede nach sieben Monaten öffentlichen Schweigens zeigt klar: Der studierte Augenarzt hat den Blick für die Realitäten vollkommen verloren.

Assad zieht über die Arabische Liga her, in der Syrien einst ein Schwergewicht war. Heute wird das Land – als treuer Vasall des Iran – isoliert und geschnitten.

Assad will in der ersten März-Woche die Syrer über eine neue Verfassung abstimmen lassen. Unter den Bedingungen eines De-facto-Bürgerkriegs ist das keine großartige Idee. Sie wird die Menschen in Homs, Hama und all den anderen drangsalierten Hochburgen des Widerstands ganz sicher nicht besänftigen. Für die Demonstranten, die seit zehn Monaten ihr Leben auf den Straßen riskieren, gibt es nur noch eine Lösung – den Systemwechsel. Und den schließt Assad aus.

Der verglühte Hoffnungsträger behauptet auch, er habe keinen Schießbefehl gegen Demonstranten ausgegeben. Angesichts von mehr als 5000 Toten seit Beginn der Unruhen ist das entweder eine dreiste Lüge, oder Assad ist ein total unfähiger Oberbefehlshaber.

Nicht zuletzt versucht er, den Aufstand gegen sein Regime als ausländische Verschwörung und als Taten „krimineller Terroristen“ zu diskreditieren. Doch die wackeligen Videobilder im Internet – die schärfste Waffe der Opposition – sprechen eine andere Sprache.

Syrische Tragödie

Die syrische Tragödie ist, dass Assad aus den Umstürzen in der arabischen Welt nichts gelernt hat. Er glaubt noch immer, sich mit Gewalt gegen große Teile der Bevölkerung behaupten zu können. Und er meint, jeder, der (noch) schweigt, stimme ihm zu.

Je länger sich Assad und sein Clan an die Macht klammern, umso blutiger wird ihr Sturz erfolgen. Schon jetzt wird der anfangs rein friedliche Protest gewalttätiger; werden Rufe nach einer militärisch durchgesetzten Flugverbotszone lauter; beginnen sich gefährliche Bruchlinien zwischen Sunniten und Schiiten zu öffnen.

Da Assad einen geordneten Wandel verweigert, droht Syrien ein chaotischer Zerfall und der politischen Erdbebenzone Nahost ein weiterer chronischer Unruheherd.

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