Politischer Aschermittwoch - SPD - Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, redet am 13.02.2013 beim Politischen Aschermittwoch in Vilshofen (Bayern). Foto: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Deutschland
02/13/2013

Aschermittwochsreden: "Haut Euch noch ein Bier rein"

Sieben Monate vor der Bundestagswahl: Die Parteien nutzten den Aschermittwoch für eine Generalabrechnung mit dem politischen Gegner.

von Reinhard Frauscher

Vor einem Jahrhundert am Rande eines niederbayerischen Viehmarkts entstanden, ist der „Politische Aschermittwoch“ heute die stärkste öffentliche Verbalaktion des Jahres in Deutschland. Und weil im September gewählt wird, wurde heuer besonders heftig ausgeteilt.

Die Stimmung vor Ort hat das wenig befeuert. Ebenso, wie der Vorschlag des früheren CSU-Chefs Edmund Stoiber, im einzigen Live-Duell von Kanzlerin Merkel mit ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück den TV-Komiker Stefan Raab zum Co-Richter zu machen. Raab würde mehr junge Leute für die Politik interessieren als das von Chefredakteuren moderierte Duell, so Stoiber, der als Beirat auch die Interessen von Raabs Arbeitgeber ProSiebenSat.1 wahrnimmt.

Steinbrück erteilte ihm sofort eine Absage: „Politik ist keine Unterhaltungssendung sondern ein ernsthaftes Geschäft, das aber manchmal auch humorvoll sein kann“.

Künstlich witzig

Wie krampfhaft das ausgehen kann, zeigte vor allem der Hamburger in seiner ersten Aschermittwochs-Rede. Die bayerischen Genossen in Vilshofen, die im September auch ihren Landtag wählen, forderte er hanseatisch ironisch auf: „Wählt hier den Ude, in Berlin mich – und haut Euch noch ein Bier rein!“

Zuvor hatte Steinbrück Merkels Regierung als „Kabinett der Versager“ verhöhnt, die Koalition sei „so beliebt wie eine Blinddarmentzündung und Wurzelbehandlung in einem“. Die Zuhörer auch im TV sollten sich „nicht kirre machen lassen von den Umfragen“, so Steinbrück am Tag, an dem das forsa-Institut der Union ein Sieben-Jahres-Hoch und der SPD die Dauerstagnation bescheinigte.

„Ich setze nicht auf Platz, ich setze auf Sieg“, brüstete sich Steinbrück mit den Erfolgen der SPD in fast allen Landtagswahlen seit 2009. CSU-Chef Seehofer schmähte Steinbrück als „Crazy Horst“.

Aber auch beim Original des Aschermittwochs-Spektakels, nämlich bei der CSU, ließ die Stimmung im Vergleich zu früheren Jahren weiter nach, wie ältere Teilnehmer beklagten. Dauer-Applaus, bierselige Sprechchöre und aggressive Spruchtafeln gehören auch in Passau in die Vergangenheit der früheren CSU-Chefs Strauß und Stoiber. Letzterer hielt sogar die ernsthafteste Rede an dem Tag, auch wenn sie nur halb so lang war wie seinen früheren und „wohl die letzte hier“.

Dies sei „keine politische Folklore, sondern zugespitzte politische Auseinandersetzung“, verteidigte Stoiber seine Mahnungen an die 4500 meist männlichen Zuhörer. Er stellte als einziger die Staatsschuldenkrise in den Mittelpunkt: Die Verantwortung dafür liege „in Rom, Madrid und Paris und nicht in Berlin“. Es gebe „in den Ländern des Club Med mehr Privatvermögen als in Deutschland, deren Millionäre und Milliardäre müssten einspringen, bevor das die deutschen Steuerzahler tun “. Nur Merkel sei die Garantie dafür, denn Rot-Grün wolle die Euro-Bonds auf deren Kosten.

Ritual

Stoiber warnte vor den Steuererhöhungsplänen von Rot-Grün. Steinbrücks Sprüche seien „Volksverdummung“, er habe als Finanzminister bewiesen, dass er „kein Finanzfachmann, sondern Deutschlands Schuldenkönig“ sei. Gegen Stoibers Rede fiel jene des stimmlich angeschlagenen CSU-Chefs Seehofer inhaltlich ab: Dafür waren die Witzchen häufiger. Unter Anspielung auf Steinbrücks Millionenhonorare für Reden nannte er dessen Lebensmotto: „Jedem das seine und mir das Meiste“.

In dieser Tonlage zogen auch die Vertreter von Grünen und FDP über die Gegner aus dem jeweils anderen Lager her. Doch die Ermüdungserscheinungen des Aschermittwoch- Rituals waren heuer unübersehbar – trotz des Wahljahrs.