Politik | Ausland
05.12.2011

Anwalt: "Er glaubt, er ist im Krieg"

Im Fall einer Verurteilung drohen Breivik 30 Jahre Haft. Sein Anwalt plant, Geisteskrankheit geltend zu machen.

Norwegens Justiz prüft, ob Anders Behring Breivik wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden kann. Anders als beim Vorwurf des Terrorismus, auf den maximal 21 Jahre Haft stehen, käme der Attentäter dabei für bis zu 30 Jahre hinter Gitter. In beiden Fällen kann die Haft verlängert werden. Laut seinem Anwalt Geir Lippestad deutet alles darauf hin, dass Breivik geisteskrank sei: "Er glaubt, er ist in einem Krieg und im Krieg könne man derartige Dinge tun." Breivik habe erwartet, auf dem Weg ins Gericht erschossen zu werden, so Lippestad. Ob er die Geisteskrankheit beim Prozess geltend machen werde, wisse er nicht.

Zumindest Breiviks in Frankreich lebender Vater ist überzeugt, dass sein Sohn psychisch krank ist. Er meldete sich im norwegischen Rundfunk zu Wort und sagte, er wolle seinen Sohn niemals mehr wieder sehen.

Am Dienstag wurden die Namen der 76 Menschen veröffentlicht, die der 32-Jährige auf Utøya und in Oslo ermordet hat. Es ist weiter unklar, ob Breivik, der als Motiv Norwegens Rettung vor Muslimen und Rache an den Sozialdemokraten nennt, allein gehandelt hat. Er spricht von "zwei anderen Zellen" in Norwegen, weiteren im Ausland.

Experimente

Die Welt veröffentlichte neue Auszüge aus Breiviks Manifest, in dem er seine islamfeindliche Ideologie darlegt und die Anschlagsplanung beschreibt. Demnach mietete er sein Bauernhaus eigens für die Vorbereitungen. Freunde empfing er keine, denn diese "würden merken, dass die Dinge nicht so sind wie sie scheinen".

Breivik beschreibt, wie er im Internet nach Anleitungen zum Bombenbau suchte. Er habe unter dem Deckmantel einer angeblichen Firma für Bootsreparaturen 150 Kilogramm Aluminium besorgt, das zur Herstellung besonders starker Bomben dient. Er experimentierte mit Drogen, die ihn aggressiv und leistungsfähiger machen sollten, u. a. um kiloweise Munition tragen zu können. Bei seiner Tat war er offenbar vollgepumpt mit Anabolika, dem Aufputschmittel Ephedrin, Koffein und Aspirin. Laut Guardian hatte er einen auf neun Jahre angelegten Finanzierungsplan für seine Taten.

Anfang Juli fuhr er die Strecke nach Oslo ab und gab sie in sein GPS-System ein. Er grub eine versteckte schusssichere Weste aus. Im Wald testete er den Sprengstoff, von dem er 900 Kilo produziert haben will. Er kaufte Munition und mietete ein Auto, in dem er die Bombe versteckte. Sein letzter Eintrag am Tag der Anschläge war: "Die erste Kostümparty des Jahres. Ich verkleide mich als Polizist."

Geheimdienst wurde auf Breivik aufmerksam

Bereits im März hatte sich der Attentäter Aluminium aus Schweden für die Herstellung von Sprengstoff besorgt. In seinem "Manifest" beschreibt Breivik, wie er die Stäbe selbst zu feinem Pulver vermahlen hat. Ein Vertreter der Transportfirma bestätigte gegenüber der Tageszeitung Göteborgs-Posten, dass Breivik die Aluminium-Lieferung persönlich abgeholt hatte. Der mutmaßliche Doppel-Attentäter gab in seinem Schreibwerk an, dass er die Pakete unter dem Deckmantel einer seiner eingetragenen Firmen, einem angeblichen Unternehmen für Bootreparaturen, bestellt habe. Aluminiumpulver wird auch als Beigabe für Bootsfarben zum Lichtschutz verwendet.

Auch Norwegens Geheimdienst PST war im März auf den Attentäter wegen eines Chemikalienkaufs aufmerksam geworden. Das bestätigte Geheimdienstchefin Janne Kristiansen am Montag im TV-Sender NRK. Breivik habe bei einem polnischen Händler für Chemikalien eine Summe von 120 Kronen (15 Euro) eingezahlt und sei deshalb auf entsprechenden Listen aufgetaucht. Dies sei aber nicht ausreichend für eine aktive Überwachung gewesen.

Kampf gegen Rassismus

Die EU-Regierungschefs riefen am Dienstag zum Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auf. Deutschlands Kanzlerin Merkel und Spaniens Premier Zapatero appellierten an ihre Kollegen, "Freiheit und Demokratie zu verteidigen". EU-Innenkommissarin Malmström stellte vier Millionen Euro für die Entwicklung einer EU-Initiative gegen radikale Tendenzen in der Gesellschaft zur Verfügung.

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