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16.04.2017

Anschlag auf evakuierte Syrer: Mehr als 100 Tote

Attentäter sprengte sich westlich von Aleppo neben Bussen in die Luft. Mindestens 112 Tote.

Bei dem Selbstmordanschlag auf einen Buskonvoi in Syrien sind mehr als 110 Menschen getötet worden. Wie die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" am Sonntag mitteilte, sind unter den mindestens 112 Toten 98 Menschen, die zuvor mit Bussen aus zwei belagerten Ortschaften herausgeholt worden waren. Mittlerweile erreichten tausende Bewohner von Foua und Kefraya die Stadt Aleppo.

Jahrelang belagert

Die regierungstreuen Ortschaften Foua und Kefraya in der nordwestlichen Provinz Idlib waren mehr als zwei Jahre lang von Rebellen belagert worden. Nach einer Vereinbarung zwischen Regierung und Rebellen konnten rund 5.000 Zivilisten und Rebellenkämpfer am Freitag mit Bussen die Dörfer verlassen.

Am Samstag erreichten 75 Busse die von Rebellen kontrollierte Ortschaft Rashideen westlich von Aleppo. Dort sprengte sich nach Angaben der Beobachtungsstelle neben den wartenden Bussen ein Selbstmordattentäter in die Luft, der am Steuer eines Transporters mit Lebensmittelhilfen saß.

Die Beobachtungsstelle stützt sich auf ein Netz von Informanten in Syrien. Von unabhängiger Seite sind ihre Angaben nur schwer zu überprüfen. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP sah in Rashideen zahlreiche Todesopfer, darunter auch einige Kinder, sowie eine große Zahl von Verletzten.

Unter den 112 Toten waren nach Angaben der Beobachtungsstelle 98 Evakuierte. Bei den übrigen Toten handelte es sich demnach um Hilfskräfte und um Rebellenkämpfer, die den Bustransport überwachten. Nach dem Anschlag hatte die Beobachtungsstelle zunächst von 43 Toten gesprochen. Nun warnte sie, dass die Opferzahl angesichts "Hunderter" Verletzer noch weiter steigen könne.

Der UNO-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien zeigte sich "entsetzt" über den Anschlag. Den Attentätern seien Menschenleben völlig gleichgültig.

Papst Franziskus sprach am Ostersonntag in Rom von einem "schändlichen Angriff" in Rashideen. Der Krieg in Syrien höre nicht auf, "Tod und Schrecken" zu verbreiten. Er bat unter anderem für diejenigen um Gottes Hilfe, die sich für die leidende Zivilbevölkerung in Syrien einsetzten.

Zu dem Anschlag in Rashideen bekannte sich zunächst niemand. Die syrische Regierung machte "Terrorgruppen" verantwortlich. Die Regierung von Machthaber Bashar al-Assad bezeichnet grundsätzlich alle ihre bewaffneten Gegner im Land als "Terroristen".

Die mächtige islamistische Rebellengruppe Ahrar al-Sham wies eine Verantwortung der Aufständischen zurück. "Unsere Aufgabe war, für die Sicherheit der Zivilisten zu sorgen, nicht sie zu töten", erklärte die Rebellengruppe mit Blick auf die Evakuierungsaktion.

Die Evakuierung von insgesamt vier belagerten Ortschaften war nach langwierigen Verhandlungen zwischen Regierung und Rebellen unter Vermittlung ihrer Verbündeten Iran und Katar vereinbart worden. Zeitgleich mit den 5000 Menschen aus Foua und Kefraya verließen rund 2200 Menschen die Orte Madaya und Zabadani in der Nähe von Damaskus, die jahrelang von Regierungstruppen belagert worden waren.

Wenige Stunden nach dem Anschlag konnten die Evakuierten weiterreisen. Am späten Samstagabend trafen die Einwohner von Foua und Kefraya in Aleppo ein, von wo aus sie teilweise in die Hafenstadt Latakia oder in die Hauptstadt Damaskus weiterreisen sollten. Die 2.200 Menschen aus Madaya und Zabadani erreichten die Provinz Idlib, die weitgehend von Rebellen kontrolliert wird.

Erst gestern Samstag sind bei einem Autobombenanschlag in Syrien mindestens 43 Menschen getötet worden.

Von der Leyen für Blauhelm-Einsatz

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich für einen Friedenseinsatz der Vereinten Nationen in Syrien nach Beendigung des Bürgerkrieges ausgesprochen. "An einer solchen Blauhelm-Mission wird sich wohl auch Europa beteiligen müssen, und auch Deutschland wird gefragt sein", sagte die CDU-Politikerin der Zeitung "Welt am Sonntag".

Die syrische Bevölkerung sollte nach ihren Worten unter dem Dach der UNO geschützt werden. "Nur so sind alle Staaten, die ihre höchst unterschiedlichen Interessen in Syrien und der Region verfolgen, wirklich eingebunden", sagte die Ministerin.