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Politik Ausland
09/16/2012

Angriffe flauen ab, Wut kocht weiter

El Kaida ruft wegen des Anti-Mohammed-Videos zu weiteren Angriffen auf US-Botschaften auf. Die USA ziehen ihre Diplomaten ab.

Nach der Welle der Gewalt in der muslimischen Welt wegen eines in den USA gedrehten Films, in dem der islamische Prophet Mohammed als Kinderschänder, Frauenheld und sexbesessen dargestellt wird, beruhigte sich die Lage am Samstag etwas. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Attacken gegen diplomatische Vertretungen.

Die US-Regierung hat unterdessen ihr Botschaftspersonal aus dem Sudan und Tunesien zurückbeordert und zugleich eine Reisewarnung für die beiden Länder ausgegeben. Alle Angehörigen sowie das nicht dringend benötigte Botschaftspersonal werde aus den beiden islamischen Ländern evakuiert, teilte das US-Außenministerium am Samstag mit. US-Bürgern wurde davon abgeraten, sich in Tunesien und Sudan aufzuhalten.

In Ägypten räumten die Sicherheitskräfte den Tahrir-Platz in Kairo, auf dem seit Tagen demonstriert worden war. Nur im australischen Sydney kam es zu Protesten. Die Polizei setze Tränengas gegen einige Hundert Muslime ein, die vor das US-Konsulat ziehen wollen. Einige Personen wurden verletzt. Ein Transparent mit der Aufschrift "enthauptet all jene, die den Propheten beleidigen" war zu sehen.

In Afghanistan wurde das NATO-Camp auf dem Prince Harry seinen Dienst versieht in der Nacht auf Samstag Ziel eines Angriffs. Die Taliban sprachen von einer Vergeltungsaktion für den Film. Zwei US-Soldaten und 20 Angreifer starben. Nachdem die Taliban angekündigt hatten, Harry töten zu wollen, war ein Anschlag vermutet worden.

Viele Fragen, wie es zur Eskalation kommen konnte, sind noch offen.

Steht das Terrornetzwerk El Kaida hinter den Angriffen auf die westlichen Botschaften?
Zumindest bei der Attacke auf die US-Vertretung im libyschen Bengasi, bei der vier Botschaftsangehörige und zehn Libyer getötet wurden, dürften Terroristen beteiligt gewesen sein. Dies behauptete Libyens Präsident Mohamed al-Magarief. Die Art des Angriffs und die verwendeten Waffen deuteten darauf hin, dass der Anschlag geplant gewesen sei. Bei allen anderen Vorfällen gab es keine Hinweise auf eine Beteiligung von Terrorgruppen. Am Samstag veröffentlichte die El Kaida aber einen Aufruf, US-Botschaften weltweit anzugreifen.

Warum geriet auch die deutsche Botschaft im Sudan ins Visier der Proteste?
Die deutsche Botschaft war vorgewarnt. Aber nicht wegen des Mohammed-Videos, sondern wegen islamfeindlicher Graffiti, an Berliner Moscheen. Ein Scheich in Khartum hatte schon vor Tagen zum Sturm auf die Vertretung aufgerufen.

Handelt es sich bei den Protesten jeweils um eine wütende Minderheit oder marschierten die Massen?
In allen Ländern, wo sich die Empörung über das Video in Angriffen auf Botschaften entlädt, handelt es sich um radikalisierte, teils gut organisierte, aber überwiegend kleine Gruppen – die aber mit ihrer Gewaltbereitschaft eine verheerende Wirkung erzielten. Zu den größten Protesten kam es im Sudan, wo an die 5000 Menschen zunächst die deutsche, dann die britische und letztlich die US-Botschaft angriffen. Vor Kairos US-Botschaft demonstrierten aber nie mehr als einige hundert Menschen. Im Gegenteil: Mehrere religiöse Führer und Gruppen, die zunächst gegen das Video protestieren wollten, hatten ihre Teilnahme nach der Gewalteskalation rasch zurückgezogen. Prinzipiell aber wird das Video und die damit einhergehende Beleidigung religiösen Gefühle von der gesamten islamischen Welt abgelehnt.

Obamas Nahost-Politik in Scherben

Selten wirkte US-Präsident Barack Obama derart hilflos. Ohne echte Gegenstrategie muss der mächtigste Mann der Welt der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten zusehen. Erneut sind die USA zum Sündenbock geworden, gegen die sich offener Hass entlädt. Dabei hegte der US-Präsident gerade für Nahost hochfliegende Visionen von Frieden und Fortschritt in der Region.

Schon versucht die republikanische Opposition, Obama als "zweiten Jimmy Carter" darzustellen, der Amerikaner im Ausland nicht beschützten kann. Carter war 1979/1980, als iranische Studenten über 50 Amerikaner ein Jahr lang in der US-Botschaft in Teheran als Geisel hielten, zur tragischen Figur im Weißen Haus geworden. "Zum ersten Mal seit Carter ist ein US-Botschafter ermordet worden", verlautet aus dem Lager von Obama-Herausforderer Mitt Romney – ein Alptraum­argument für Obama.

Aber auch besonnene Kräfte betrachten die Nahost-Politik Obamas mit zunehmender Kritik. Die vier toten US-Diplomaten "sind ein brutaler Beweis, dass die Turbulenzen, die den Nahen Osten seit dem Arabischen Frühling erschüttern, gefährliche Konsequenzen für die USA haben", meint etwa Daniel Bymann von Brookings-Institut, einer Washingtoner Denkfabrik.

Kalt erwischt

Tatsächlich hat der Wandel, der seit über einem Jahr über die Region hinwegfegt, die USA kalt erwischt. Mit Bangen schaute Washington zu, wie der jahrzehntelange Vertraute Hosni Mubarak in Kairo stürzte. Ziemlich unwohl war es für die meisten in Washington auch, als die Muslimbruderschaft in Kairo die Macht übernahm. Ausgesprochen enttäuscht reagierte Obama darauf, dass Präsident Mohammed Mursi tagelang den Ausschreitungen praktisch freien Lauf ließ.

Noch stärker ist die Enttäuschung mit Blick auf Libyen. Schließlich hatte Washington aktiv geholfen, Diktator Gaddafi zu stürzen.

Von Bagdad bis Tunis – in vielen Staaten herrscht derzeit eine brüchige Machtbalance zwischen unterschiedlichen oder gar verfeindeten Bevölkerungsgruppen, Parteienund religiösen Fraktionen. In Syrien schätzt Washington die Gefahren derart groß ein, dass jedes militärische Eingreifen ausgeschlossen wird.

Kleinste Funken können neue anti-amerikanische Gewalt in der islamischen Welt entzünden. Dabei hatte Obama zu Beginn seiner Amtszeit den Nahen Osten ausdrücklich zur Chefsache erklärt. Unvergessen ist seine große "Rede an die muslimische Welt", mit der er im Frühjahr 2009 in Kairo die Wende herbeiführen wollte. Vergeblich. Die islamische Welt reagierte eher kühl.

Und da wären noch die beiden Hauptkonfliktpunkte: Der israelisch-palästinensische Konflikt und der Atomstreit mit Teheran, beide Krisen haben sich nur noch weiter verschärft.

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