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Politik | Ausland
07/21/2016

"Amaq Agency": Das Sprachrohr des IS

Der IS schickt Hochglanzmagazine und wackelige Bekennervideos in den Kampf um die Deutungshoheit.

War die Attacke von Würzburg nun ein Terroranschlag, oder der Gewaltakt eines radikalisierten Einzelgängers?

Dass der "IS" wenige Stunden nach der Attacke diese für sich beanspruchte, überraschte kaum noch jemanden. Egal, ob nach Brüssel, Nizza oder dem Massaker in Orlando. Stets folgte auf die Gräueltat eines Einzeltäters verlässlich das Bekenntnis der Terrororganisation.

Dabei waren die Anschläge - soweit man es bis jetzt weiß - nie von dem Terrornetzwerk geplant, es hatte keinen logistischen Aufwand, keine finanziellen Kosten zu tragen. Und doch ist das Ergebnis immer dasselbe: Verbreitung von Angst und Terror.

Es ist ein ebenso perfider wie leicht zu durchschauender Kampf um die Deutungshoheit, der hier stattfindet.

Und insbesondere eine Organisation spielt dabei für den "IS" eine tragende Rolle: "Amaq Agency" ist jene Quelle, die die Anschläge am Brüsseler Flughafen als erste dem "IS" zurechnete. Und auch im Fall der Zugattacke von Würzburg war es diese Organisation, deren Name offensichtlich an eine klassische Nachrichtenagentur erinnern soll, die als erste über angebliche Verbindungen des Täters zur Dschihadistenmiliz berichtete.

Im Netz wurde "Amaq" erstmals 2014 gesichtet. Damals standen Berichte zu den Kämpfen um die syrisch-kurdische Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei im Mittelpunkt.

Kühl und sachlich wird auf der Webseite heute vor allem über den Krieg in Syrien und im Irak sowie über Anschläge von Attentätern und ihre Verbindungen zu der Terrormiliz berichtet. Doch die Aufmachung täuscht. Tatsächlich verbreitet "Amaq" aber vor allem Propagandameldungen des "IS", dient so als Sprachrohr der Terrormiliz und ermöglicht den "einsamen Wölfen" mit ihnen in Kontakt zu treten und ihre Bekennervideos zu posten. Das schafft Glaubwürdigkeit - und Angst und Terror.

Wie professionelle Nachrichtenseite

Dafür finden sich keine Bilder von roher Gewalt und leidenden Opfern auf der Webseite. Auch die Wortwahl erinnert weniger an einen Propagandakanal als an eine Nachrichtenseite. Von Toten und Verletzten ist die Rede, nicht von Ungläubigen, die dem IS als legitime Ziele gelten. Experten gehen laut ARD davon aus, dass sich "Amaq" so gezielt von den offiziellen IS-Medien abgrenzen will, um seine Glaubwürdigkeit zu stärken.

Auch außerhalb des "IS" hat "Amaq" offenbar verlässliche Partner gefunden. Um sich gegen Datenattacken (DDoS) im Netz zu schützen, verwendet "Amaq" Dienste des US-Unternehmens Cloudfare. Die Firma in Kalifornien hat in der Vergangenheit auch Inhalte des als extremistisch eingestuften Kavkaz Center geschützt, das über Tschetschenien berichtet. Cloudfare rechtfertigte damals die Bereitstellung seines Content Delivery Networks (CDN) mit einem Hinweis auf die in der US-Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.

Schneeballsystem

Neben der Webseite nutzt "Amaq" aber vor allen Messenger-Dienste, darunter Telegram. Die App aus Berlin wurde von den beiden Gründern des russischen Netzwerks Vk.com, Nikolai und Pawel Durow, ins Leben gerufen. Sie ist bekannt für abhörsichere Kommunikation. Über Telegram werden die Propaganda-Meldungen von "Amaq" im Schneeballsystem verteilt. Ein ebenso einfaches wie effektives System, das sich perfekt in die ausgeklügelte Medienstrategie des Terrornetzwerkes einfügt.

Denn in Europa findet der Feldzug des "IS" vor allem in den sozialen Medien statt. Facebook, Twitter und Youtube werden von der Terrormiliz perfekt bedient. Sogar ein eigenes Hochglanzmagazin gibt es. "Dabiq" ist online auf Englisch und Deutsch abrufbar und umfasst rund 50 Seiten aufpolierter Dschihad-Ästhetik. Es ist dieses professionelle Netzwerk, das den Appell, doch nicht auf diese Propaganda des IS hineinzufallen, oftmals ungehört verhallen lässt. Und so hat die Frage, ob die Attacke von Würzburg nun ein Terroranschlag, oder der Gewaltakt eines radikalisierten Einzelgängers war, der "IS" längst nicht nur für sich beantwortet.