Politik | Ausland
05.12.2011

"Als wäre das Land im Krieg"

Austro-Norweger erzählen, wie sie die Katastrophe erlebt haben und wie sie die Tat einschätzen.

Jan-Age Fjörtoft stürmte von 1989 bis 1993 für Rapid Wien. Der 44-jährige Ex-Teamfußballer war 20 Minuten vor der Explosion noch in Oslos Innenstadt: "Ich saß im Auto, spürte die Erschütterung und dachte an ein Erdbeben. Über Twitter erfuhr ich, dass das eine gewaltige Bombe war." Fjörtoft hat vor allem die Herkunft des Täters erschrocken: "Wir haben als Land unsere Unschuld verloren, weil es ein Norweger war. Das macht es noch schlimmer." Das Ausmaß der Tragödie sei für die Norweger noch nicht fassbar: "Ich finde in meinem Kopf nichts Vergleichbares. Alle dachten, Norwegen wäre ein sicherer Hafen. In modernen Zeiten gab es in Norwegen nie so viele Tote. Und ich fürchte, wir haben noch nicht das Ende gesehen."

Fjörtoft hat vor allem die Herkunft des Täters erschrocken: "Wir haben als Land unsere Unschuld verloren, weil es ein Norweger war. Das macht es noch schlimmer." Das Ausmaß der Tragödie sei für die Norweger noch nicht fassbar: "Ich finde in meinem Kopf nichts Vergleichbares. Alle dachten, Norwegen wäre ein sicherer Hafen. In modernen Zeiten gab es in Norwegen nie so viele Tote. Und ich fürchte, wir haben noch nicht das Ende gesehen."

Ragnvald Soma

Ragnvald Soma organisiert seit 2009 die Abwehr von Rapid. Der 31-jährige Fußball-Profi war mit Rapid noch Samstagabend in Wr. Neustadt im Einsatz: "Meine Frau und meine Töchter sahen mit mir in Wien im TV die Katastrophe. Wir konnten es nicht fassen. Ich bin tief erschüttert, muss aber in meinem Job funktionieren. Deshalb war es kein Thema, dieses Spiel für Rapid auszulassen."

Soma meint, dass Norwegen nichts Vergleichbares erlebt hat: "Das ist für unser Land das Schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Bilder zeigen uns Schlachtfelder als wäre Norwegen im Krieg."

Per Brogeland

Per Brogeland war 1997 Trainer beim österreichischen Bundesligisten LASK, coachte auch das norwegische Frauen-Nationalteam und ist jetzt in seiner Heimat wieder als Vereinstrainer tätig. Auch er kann die Gewalttat kaum fassen: "Ich sitze
vor dem Fernseher, schaue CNN und bin nur geschockt. Zuerst haben wir geglaubt, es sei ein Akt ausländischer Terroristen gewesen. Jetzt müssen wir erfahren: Es war tatsächlich ein junger Norweger. Ich denke nicht, dass es eine politisch motivierte Tat war. Von ausgeprägtem Rechtsextremismus war in Norwegen zuletzt nicht sehr viel spürbar. Nicht mehr jedenfalls, als in anderen Ländern auch. Das war reiner Wahnsinn."

Brogeland kann nicht ausschließen, dass sich eine bekannte Person unter den Opfern befindet. "Es könnte sein, denn ich habe durch den Fußball so viele Kontakte, auch zu Jugendlichen und ihren Eltern. 84 junge Menschen wurden in diesem Ferienlager abgeschlachtet."

Lasse Odegaard

Lasse Odegaard (52) besitzt mit seiner Wiener Ehefrau ein Tanzstudio in Wien. Vor 20 Jahren war der gebürtige Osloer mehrfacher Weltmeister auf dem Parkett. In seiner Heimat, die er Samstag Richtung Wien verließ, leben drei Kinder aus erster Ehe. Lena (17), seine Älteste, entkam dem Horror "um eine knappe Stunde". Sie saß im ersten Zug, der auf dem Weg ins Zentrum gestoppt wurde, nachdem die Bombe explodiert war.

Odegaards Mutter war einst die Chefsekretärin des Gewerkschaftschefs. Daher kennt ihr Sohn die "rote Insel" als sozialdemokratische Kaderschmiede seit Kindertagen. War es ein Einzeltäter? "Ja", sagt Lasse, "aber rechtsextremistisches Gedankengut spielt in Norwegen keine große Rolle. Wir sind nur fünf Millionen - wir brauchen Zuwanderer." Er ist sicher: "Dieser blutige Tag wird das Land einen!"

Botschafter: "Unendlicher Schock für Norwegen"

Österreichische Opfer scheint es nach den Attentaten von Oslo und Utøya nicht zu geben. Der Botschafter in Oslo gegenüber dem KURIER über die Situation vor Ort:

KURIER: Wie sieht es in den Straßen von Oslo aus? Sind sie menschenleer?
Lorenz Graf: Im Moment ist der Höhepunkt der Feriensaison. Viele sind auf Urlaub. Aber wie Sie sich vorstellen können, war das ein unendlicher Schock für die Menschen. Norwegen ist ein friedliches Land, ein Land, das so eifrig um Frieden wirbt und für den Frieden arbeitet. Gewalt in diesem Sinne hat es hier nie gegeben, außer auf krimineller Ebene. Es wird lange dauern, bis sich die Norweger von dem Schock erholt haben. Es geht jetzt vor allem um psychologische Aufarbeitung, aber auch um bauliche Maßnahmen.

Bundeskanzler Faymann hat die Hilfe Österreichs angeboten. Wie könnte die aussehen?
Ich kann mir vorstellen, dass man mit Spezialisten bei der Spurensuche hilft. Oder dass es zum Erfahrungsaustausch beim Thema Sicherheit oder bei baulichen Fragen kommt.