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17.11.2013

Alice Schwarzer: "Kämpfe für Prostitutions-Verbot“

Deutschlands Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer fordert in ihrem neuen Buch, die Prostitution zu verbieten und die Freier zu bestrafen.

KURIER: Frau Schwarzer, Prostitution gilt als das älteste Gewerbe der Welt und war nie ein sauberes Geschäft, wo Frauen menschenwürdig behandelt wurden. Warum fordern Sie erst jetzt die Abschaffung? Und ist es nicht naiv, zu glauben, dass man dieses Gewerbe überhaupt abschaffen kann?

Alice Schwarzer: Noch älter ist wohl die Sklaverei. Und auch deren Abschaffung galt bis vor gar nicht so langer Zeit noch als utopisch. Heute gibt es auf der Welt zwar immer noch Sklaverei – aber kein aufgeklärter Staat würde sie verharmlosen, dulden oder gar propagieren. Doch genau das macht Deutschland im 21. Jahrhundert mit der Prostitution. Und in Österreich sieht es auch nicht viel besser aus.

Verhindert die Prostitution nicht auch viele Gewalttaten oder sexuelle Übergriffe auf Frauen im Alltag? Haben Sie keine Angst, sollte Ihr Projekt wirklich erfolgreich sein, dass die Zahl der Vergewaltigungen wieder ansteigt? Ist es da nicht besser, die Prostitution bleibt ...

Die meisten Kunden von Prostituierten sind nicht Männer, die keine Frauen abkriegen, sondern Männer, denen ihre eigenen Frauen zu anstrengend sind. Die keine Lust haben, sich auf eine Frau einzulassen, sondern lieber einen Schein hinlegen und der Frau sagen, was sie zu machen hat. Übrigens: Männer, die es für selbstverständlich halten, eine Frau zu benutzen, werden ganz im Gegenteil leichter zu Vergewaltigern, wenn es mal Widerstand gibt. Ich glaube also ganz im Gegenteil, dass die Akzeptanz der Prostitution die Vergewaltigung fördert.

Treibt ein Verbot nicht alle Beteiligten in den Untergrund?

Die Prostituierten in unseren Ländern sind schon längst im Untergrund. 90 bis 95 Prozent, so schätzt die Polizei, sind Ausländerinnen aus den ärmsten Ländern, die oft kein Wort Deutsch sprechen. Denn die Banden der Schlepper und Zuhälter boomen.

In Deutschland und Österreich gibt es Laufhäuser. Hier soll den Prostituierten ermöglicht werden, ihrem Gewerbe ohne Zuhälter nachzugehen. Wollen Sie auch diese schließen?

Ja, das sind diese neuen White-Collar-Zuhälter. Die kassieren, egal ob die Frau etwas verdient oder nicht. Im Kölner „Pascha“ zum Beispiel zahlt eine Prostituierte am Tag 180 Euro für eine 10-qm-Bude, also im Monat 5.400 Euro! Dann hat sie noch nichts zu essen. Und auch keine Wohnung. Viele schlafen in den Bordell-Zimmern. 180 Euro, das sind vier Freier à 50 Euro – oder auch mal sechs à 30 Euro, wenn das Geld her muss. Diese Wuchermieten müssen als erstes verboten werden.

Sollen aus Ihrer Sicht auch die Freier bestraft werden? In Frankreich kommt ein entsprechender Gesetzesentwurf ins Parlament. In Schweden werden die Freier bereits bestraft ...

In Schweden sind heute 93 Prozent der Frauen für die Abschaffung der Prostitution – und 75 Prozent der Männer! Das Land hat mit der Bestrafung der Freier sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie verhaften meist kurz hintereinander den Freier und dann den Zuhälter, der kassieren kommt. Und den Frauen bieten sie Beratung und Ausstiegshilfen an. Der Gedanke dahinter ist, dass der Freier ja überhaupt erst den Markt schafft. Ohne Freier keine Prostitution. Menschen, die heutzutage mit Elfenbein handeln bzw. es kaufen, werden selbstverständlich bestraft – um die Elefanten zu schützen. Warum sollte man also Frauen nicht mindestens ebenso schützen wie Elefanten?

Und würden 1500 Euro Strafe, diese Strafhöhe ist in Frankreich vorgesehen, wirklich die Männer abschrecken zu einer Prostituierten zu gehen?

Ja, ich denke, 1500 Euro – und bei Wiederholung das Doppelte – das tut schon weh. Noch mehr weh tut vermutlich der Brief, der dem Freier nach Hause geschickt wird – da staunt die Freundin oder Ehefrau.

In Ihrem neuen Buch „ Prostitution – Ein deutscher Skandal“ behaupten Sie, Deutschland entwickelte sich zur Drehscheibe des Frauenhandels in Europa. Wie konnte es dazu kommen?

Deutschland ist heute ein Einreiseland für Sextouristen! Nirgendwo in Westeuropa kriegen Männer die Frauen so billig wie in Deutschland. Das verdanken wir der Liberalisierung der rotgrünen Regierung im Jahr 2002. Die sollte angeblich den Prostituierten nutzen, es profitieren jedoch nur die Menschenhändler und Zuhälter.

Für Ihr neues Buch haben Sie und die EMMA-Redakteurinnen im Rotlicht-Milieu intensiv recherchiert. Was ist das Motiv der Männer sich Frauen zu kaufen?

Die eigenen emanzipierten Frauen sind ihnen oft zu anstrengend. Sie haben keinen Bock auf Gespräche. Vielen geht es auch um Macht. Macht über die Frauen finden sie geil.

In Wien versucht man den Straßenstrich zu verbieten. Prostituierte dürfen nicht mehr in bewohnten Gebieten – also nur mehr in Industriegebieten, bei Tankstellen auf der Autobahnabfahrt – anschaffen. In Zürich werden nun neuerdings Sexboxen getestet. Was halten Sie von diesen Lösungen? Ist das nicht nur eine räumliche Verdrängung des Problems??

Zum einen löst es natürlich nicht das Problem, indem man die Prostitution unsichtbar macht. Zum anderen hören wir jedoch von der Polizei, dass der Straßenstrich und die „Lovemobile“, diese vergammelten Wohnwagen am Straßenrand, das Gefährlichste sind für die Frauen. Sie sind isoliert, niemand kennt sie, es gibt keine Gesundheitskontrollen etc. Und sie sind der Gewalt der marodierenden Zuhälterbanden ausgeliefert, die heute häufig aus Osteuropa kommen. Und was die Sexboxen angeht: Die sind ja wie Besamungsboxen für Kühe. Wirklich menschenunwürdig.

Die meisten Prostituierten kommen heute aus Osteuropa. Warum gehen gerade diese Frauen anschaffen?

Das hat was mit Armut zu tun. Und einem relativ ungebrochenen Patriarchat. So manche wird ja auch von der eigenen Familie zum Anschaffen geschickt.

Wie schwer ist der Ausstieg für eine Prostituierte aus dem Rotlichtmilieu?

Sehr sehr schwer. Für die Ausländerinnen, die weder die Sprache noch ihre Rechte kennen, ist der Ausstieg fast unmöglich. Aber auch einheimische Frauen kommen aus diesem Teufelskreis kaum raus. Prostitution gilt ja heutzutage als „normale Dienstleistung“. Und es gibt kaum Ausstiegshilfen. Das gehört zum Dringendsten, was wir fordern: Beratung und Ausstiegshilfen für die Frauen!

Es taucht immer wieder der Mythos auf, dass Frauen existieren, die freiwillig und gerne Prostituierte sind. Haben Sie jemals eine solche Frau im Zuge Ihrer Recherchen für das neue Buch kennengelernt?

Reden Sie von diesem Dutzend der immer wieder selben Frauen, die seit Jahren in Talkshows sitzen und sagen, wie schön die Prostitution ist: Ich frage mich schon lange, was deren Haupteinnahmequelle ist – die eigene Prostitution oder die Propaganda für die Profiteure der Prostitution. Denn hier geht es ja um sehr viel Geld. Die Gewerkschaft „ver.di“ schätzt den Jahresumsatz der Sexindustrie allein in Deutschland im Jahr auf mindestens 14,5 Milliarden Euro. – Aber in der Tat, wir kennen auch ein paar sogenannte „freiwillige“ Prostituierte. Die reden allerdings unter vier Augen ganz anders als in der Öffentlichkeit. Sie sind meist seelisch kaputt, ihre Sexualität ist zerstört, und ihr Vertrauen in die Männer sowieso. Sehr häufig sind sie auch als Kind missbraucht worden – da war der erste Schritt in die Prostitution nicht mehr groß.

Früher gab es einen florierenden Sextourismus nach Asien, damit Männer ihr Sex-Fantasien ausleben können. Davon hört man nicht mehr viel. Was hat sich geändert in der Szene?

Das Problem sind sowohl die Zuhältergesetze wie auch die Verharmlosung der Prostitution. Prostitution, das kann man gar nicht deutlich genug sagen, ist eben kein „Beruf wie jeder andere“, und ein Mensch ist keine Ware. Prostitution ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde – die der Frauen wie die der Männer.

Wie würde Welt ohne Prostitution ausschauen?

Das wäre eine wirklich gleichberechtigte Welt. Eine Welt, in der es für Männer wie Frauen undenkbar ist, dass ein Mensch für einen Schein das Recht hat, den Körper und die Seele eines anderen zu benutzen. Es wäre eine wirklich humane Welt. Und die sollten wir anstreben – auch wenn sie nicht für morgen ist.

Das schwedische Modell

In der aktuellen Debatte schielen Deutschland und Frankreich nach Norden. Seit 1999 steht der Erwerb von käuflichem Sex in Schweden unter Strafe. Freier müssen Geldbußen zahlen, Zuhälter mit langen Freiheitsstrafen rechnen. Autorin Kajsa Ekis Ekman ist von diesem Modell überzeugt. Gegenüber der Zeitschrift Brigitte sagte sie: „Ziel muss sein, dass weniger Männer die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen.“ Denn: „Es handelt sich um Sex zwischen einer Person, die Lust darauf hat, und einer Person, die keine Lust hat.“ Sie nennt Prostitution als Hauptursache für Menschenhandel. Das Onlinemagazin menschenhandel heute kontert, dass sich Freier davor hüten, unfreiwillige Sexarbeiterinnen bei der Polizei zu melden, um nicht selbst belangt zu werden. Ein Bericht des schwedischen Wirtschaftsministeriums zeigt, dass der Straßenstrich um 41 Prozent zurückgegangen ist. Kritiker weisen darauf hin, dass Prostitution zunehmend im Untergrund stattfindet. Frauen sind Gewalt und Gefahren ausgesetzt, weil die Polizei nur Straßen kontrolliert, Clubs oder Wohnungen aber nicht. Journalistin Petra Östergard schreibt auf ihrer Webseite, dass die Prostituierten aufgrund der schlechten Marktlage gezwungen sind, alle Kunden zu akzeptieren. Für wenig Geld und ohne Kondom. „Das Gesetz greift nur oberflächlich und fördert Probleme.“ (Sandra Lumetsberger)

Viel Wirbel um deutsches „Zuhälter“-Gesetz

Wie es zur Anti-Prostitutions-Kampagne kam, wird in der EMMA so beschrieben: „Am Freitag, den 4. Oktober haben wir die Mails losgeschickt – schon am Wochenende kamen die ersten Reaktionen.“ Margot Käßmann – ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland – war mit der Schauspielerin Senta Berger die erste, die ihre Zustimmung deponierte. Auch „Tatort-Kommissarin“ Maria Furtwängler gab ihre Stimme ganz im Sinne Alice Schwarzers ab.

Seither werden deutsche Talkshows und Medien von der Debatte zu diesem kontroversen Thema dominiert. Auf der einen Seite Feministinnen, die eine Bestrafung der Freier fordern und damit schwedische Verhältnisse. Auf der anderen Seite Interessenverbände der Sexarbeiterinnen, deren Arbeit in Deutschland durch das im Jahr 2002 verabschiedete Prostitutionsgesetz geregelt wird. Es gilt als liberal, über mögliche Reformen wird derzeit bei den Koalitionsverhandlungen von SPD und Union diskutiert. Mitten drin Bürgerinnen und Bürger, die sich über etwas eine Meinung bilden sollen, das als „ältestes Gewerbe der Welt“ tituliert wird und zu dem wenige valide Daten, aber viele Mythen existieren.

Dennoch schien bei Günther Jauch und seiner Talkrunde zum „Tatort Rotlichtmilieu – Wir brutal ist das Geschäft mit dem Sex?“ vor einer Woche alles klar: Wo Prostitution legal ist, explodiere der Menschenhandel – so eine aktuelle Studie im Auftrag der Europäischen Kommission. Es brauche ein gesellschaftliches Klima, in dem Prostitution geächtet werde. Nicht minder hitzig die Stimmung bei Alice Schwarzers Buchpräsentation in Berlin: Während Sexarbeiterinnen Transparente mit Parolen wie „Mein Beruf gehört mir“ ausrollten, zückten manche ihre roten Schirme als Symbol der Anti-Prostitutions-Kampagne.

„Manifest der 343 Dreckskerle“

In Frankreich machen derzeit prominente Künstler rund um den Schriftsteller Frédéric Beigbeder gegen ein Gesetz mobil, das die Besuche bei Prostituierten unter Strafe stellt.

In der Petition „Das Manifest der 343 Dreckskerle“, veröffentlicht im Magazin Casseur, bekennen sich die Männer zu ihrer Vorliebe für Prostituierte und fordern legal gesicherten Anspruch auf käuflichen Sex. Mit dem Appell „Hände weg von meiner Hure“ wehren sie sich gegen das Vorgehen der Regierung. „Jeder hat das Recht, wie es ihm beliebt seine Reize zu verkaufen – und es sogar zu mögen“, heißt es in dem Schreiben. Die „Dreckskerle“ stellen allerdings klar, dass sie sich von Sex ohne Zustimmung und Menschenhandel distanzieren.

Frankreichs Frauenministerin und Regierungssprecherin Najat Vallaud-Becakem ist davon wenig beeindruckt. Der Gesetzesentwurf ihrer Partei, der Sozialisten, sieht vor, die Freier mit 1500 Euro zu belangen. Wiederholungstäter müssen das Doppelte zahlen. Gegenüber der Zeitung Journal du Dimanchebetont sie, dass das Gesetz darauf abzielt „die immense Mehrheit der Prostituierten zu schützen, welche Opfer von Gewalt durch Zuhälter sind.“ Seit Mitte der 1990er-Jahre betreibt Frankreich eine strenge Restriktionspolitik gegenüber Prostitution. Aktives und passives Anwerben von Kunden steht unter Geldstrafe. Bordelle und Zuhälterei sind ebenfalls untersagt. 2003 ließ Nicolas Sarkozy die Prostitution aus der Pariser Innenstadt verbannen, sie verlagerte sich in die Vorstädte. Kritiker des neuen Gesetzes befürchten, dass die Frauen zunehmend im Untergrund oder Internet verschwinden und keinen Schutz haben. (Sandra Lumetsberger)

Prostituierte: Zwang, Armut, Freiwilligkeit

Zumeist nennt sie sich Romana, hin und wieder auch Karin. Eine Frau, 29, die ihren Job, die Sexarbeit, als etwas Selbstverständliches ansieht. Jederzeit könne sie in ihren alten Beruf zurück, erzählt sie in Interviews. Sie redet, wenn auch anonym, mit Journalisten – und erzeugt mit ihnen ein Zerrbild. Denn repräsentativ ist sie für Österreichs Szene nicht: Sie gehört einer überschaubaren Anzahl an betont selbstbestimmten Frauen an, die abseits ökonomischen Zwangs arbeiten.

In der Mitte des Spektrums liegt die große Masse: Armutsprostituierte. Seit der EU-Osterweiterung sind es Rumäninnen, Bulgarinnen oder Ungarinnen, die vor der Armut in ihrer Heimat „fliehen“. Die luxussüchtige Hure im Nerz ist ein Mythos: Die Frauen verdienen Geld, für sich, ihre Kinder, Eltern. Was unterscheidet sie von Zwangsprostituierten? Sie können sich für oder gegen die Tätigkeit entscheiden, wenn auch der Spielraum schmal ist.

Die Grenze zu Zwangsprostituierten, die diese Wahl nicht haben, ist fließend. Wie viele es gibt, ist unklar. Ihr Alltag wird von Gewalt bestimmt, ihre Peiniger sind Menschenhändler, die sie mit falschen Versprechungen in den goldenen Westen locken.

Schätzungen zufolge gibt es in Österreich 10.000 legale und illegale Prostituierte. Alleine in Wien sind 3400 gemeldet, 1700 gehen dem Geschäft nach. Straßenprostitution ist in Wien in Wohngebieten verboten – und ein Randphänomen: Bis zu 150 Frauen schaffen auf Wiens Straßen an. Völlig liberalisiert ist das Gewerbe nicht: Eine Meldung und Gesundheitschecks sind verpflichtend. Seit dem Vorjahr ist es nicht mehr sittenwidrig.

10.000 Männer werden täglich zu Freiern

Lange Zeit war der Freier unsichtbar. Alle redeten über die Prostituierten, niemand über die Kunden. Den typischen Freier gibt es nicht: Er ist Student, Pensionist, Familienvater, Arbeiter oder Manager, ledig oder verheiratet – ein Querschnitt aus allen Schichten. Er ist erstens scheu: Er schlendert umher, kopuliert, bezahlt, und ist weg. Interviews – niemals. Und es gibt ihn in einer großen Anzahl: Angenommen, dass jede (legale und illegale) Prostituierte einen Kunden täglich hat, sind es in Österreich 10.000 Männer pro Tag.

Das Prostitutionsverbot in Schweden brachte ein Umdenken: Dort werden Freier, nicht Frauen bestraft. Das Modell scheint Schule zu machen. In Frankreich mobilisiert eine Bewegung prominenter Männer gegen ein „Verbot von käuflichem Sex“ . „Hände weg von meiner Hure“, heißt ihr Slogan.

Der Kunde bestimmt mit seiner Nachfrage den Markt, feilscht, bezahlt Dumping-Preise. Bernd Ullrich, stv. Chefredakteur der Die Zeit, ätzte in einem Kommentar, wie selbstverständlich der Kauf von Frauen sei, und wie gewissenlos die Käufer. Wobei der Freier nicht „für den Sex, sondern die Abwesenheit der Frau bezahlt“, schreibt Ullrich.

Adressaten von Aufklärungskampagnen sind sie nirgends. Angelehnt an den Pariser Männerbund böte sich an: „Mir es nicht egal, wie es meiner Hure geht.“ Eine Light-Version der Freierbestrafung gibt es in Wien: Straßenprostitution ist im Wohngebiet verboten. Bahnt ein Mann an, wird er bestraft. Im Vorjahr waren es rund 170.

Corinna Milborn ist Journalistin und Co-Autorin von „Ware Frau“ (Ecowin, 19,95 €). Sie sagt: „Prostitution ist geprägt von Ausbeutung, Abwertung von Frauen, Gewalt und Menschenhandel.“ Was tun? Legalisierung und Gleichstellung mit anderen Berufen wie in Deutschland habe für die Sicherheit der Frauen nur wenig gebracht. Andererseits: „Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der man an jeder Ecke für 20, 30 Euro einen Frauenkörper benutzen darf? Dieses Ziel stand für den schwedischen Gesetzgeber im Vordergrund. Eine Gesellschaft zu bauen, in der das nicht mehr normal ist. Ein schönes Ziel.“

Bordellchefs: Wenn „Sex“ wirklich „sells“

Der Bogen an Etablissements ist breit: Ein Hort des Profits sind Laufhäuser, die etwa in Wien boomen. Dahinter stecken keine Strizzis, sondern oft potente Geldgeber. Kleine Bordelle sind in Wien in der Überzahl. Reich werden ihre Besitzer selten.

Das Laufhausmodell ist auch umstritten: Prostituierte mieten sich – oft monatsweise – ein, berappen 80 Euro täglich(!). Das schafft für die Frauen den Zwang, den Betrag verdienen zu müssen.

Die Gesetzgebung ist in Österreich Ländersache. In Wien waren Bordelle bis zur Novelle des Prostitutionsgesetzes im November 2011 eine uneinsichtige Black Box. Das neues Gesetz änderte dies radikal: Lokale brauchen eine Genehmigung, die nur nach einer strengen Prüfung erteilt wird. Brandschutz, ein separater Straßenzugang, Alarmknöpfe neben den Betten – die Liste ist lang. Prostitution in Wohnungen ist illegal, weil sie keine Tür zur Straße haben.

Zweitens müssen Betreiber „zuverlässig“ sein, dürfen also nicht einschlägig vorbestraft sein (etwa wegen Menschenhandels). Strizzis sind rar, die einst mächtigen Gürtelbosse ausgestorben. Von den einst 450 Wiener Etablissements sind derzeit 238 genehmigt, 56 Verfahren laufen. Die übrigen sperrten zu. Polizisten haben, anders als in Deutschland, immer Zutritt.

Die Rolle von Vater Staat ist in Sachen Infrastruktur umstritten: Versucht er, Frauen die Sexarbeit zu erleichtern – etwa durch Boxen wie am Zürcher Strich –, gerät er in Verruf, das Gewerbe zu fördern. Tut er es nicht, setzt er sich dem Vorwurf aus, die Frauen sich selbst zu überlassen. Das kann in der Weigerung gipfeln, am ehemaligen Strich beim Prater ein Mobil-Klo aufzustellen.