Politik | Ausland
20.04.2017

Alan Webber: "Trump will 70 Jahre rückgängig machen"

Der Ex-Herausgeber des "Harvard Business Review" über Trump und das Ende einer politischen Ära in den Vereinigten Staaten.

Launisch, dünnhäutig, chaotisch, mit einem Hang zur Unwahrheit: So wie sich Donald Trump als Kandidat präsentierte, so übt er jetzt das Amt des Präsidenten aus. Für Alan Webber ist seine Präsidentschaft aber mehr als nur ein skurriles Zwischenspiel der Geschichte. Er ist davon überzeugt, dass die USA vor den größten politischen Veränderungen seit der Reform-Präsidentschaft Lyndon B. Johnsons stehen.

Webber ist ein Kenner des politischen Systems der USA. Er war Herausgeber des renommierten Harvard Business Review und gründete das Tech-Business-Magazin Fast Company, um es im Jahr 2000 für 360 Millionen Dollar zu verkaufen. Er trat – vergeblich – als Demokrat für das Amt des Gouverneurs in New Mexiko an. Seit der Wahl Trumps betätigt sich Webber als Aktivist und Mahner: Die demokratische Partei sollte schon eine neue Politik für die Zeit nach Trump planen, denn ein zurück in die gute alte Zeit kann es nicht geben.

KURIER: Vor ziemlich genau einem Jahr sagten sie dem KURIER, dass man Trump ernstnehmen müsse. Dass er sogar gewinnen könnte. Damals waren die Vorwahlen noch nicht einmal entschieden, Sie waren also relativ früh dran mit ihrer Warnung.

Alan Webber: Wir dachten doch in Wahrheit alle, dass Clinton gewinnen würde. Wir wollten uns nicht mit der These beschäftigen, dass Trump tatsächlich Präsident werden könnte, weil diese Aussicht zu schlimm war, um sie in Worte zu fassen. Aber wir mussten zumindest die Möglichkeit miteinbeziehen, nicht wahr?

Haben sich die Dinge nach der Wahl auch so entwickelt, wie Sie es erwartet haben?

Es gibt das alte Sprichwort: Was du siehst, ist, was du bekommst. So wie Trump seinen Wahlkampf geführt hat, wie er sich gegeben hat und wie wir ihn alle kannten – genau das ist er jetzt als Präsident. Er ist ständig am Lügen. Er ist nicht regierungsfähig, es gibt keine politisch Philosophie, die ihn leitet. Er ist einzig und alleine eine Instinktsperson von emotionaler Unreife. Es geht ihm immer nur um Donald, die ganze Zeit um Donald. So ist er.

Der Anti-Trump-Aktivismus erlebt gerade regen Zulauf. Sie selbst haben die mittlerweile im Web verbreiteten „100 Days Of Resistance“ erdacht, eine Liste mit Dingen, die Aktivisten tun können, um friedlich Widerstand zu leisten. Funktioniert das?

Es funktioniert phänomenal, aber nicht dank mir. Der Frauenmarsch nach Washington, zum Beispiel, war ein globales Ereignis. Ich war nur einer von Vielen, die gesagt haben: Was wir gerade erleben ist ein ahistorisches Ereignis und wir können nicht „business as usual“ machen. Wir können nicht abwarten und schauen, was passiert, weil wir schon ganz genau wissen, was wir kriegen werden. Da wurden wir nämlich nicht enttäuscht. Trump tut das, was er angekündigt hat, auf inkompetente Weise, aber er tut es.

Die meisten von uns haben am ersten Tag gesehen, dass man einen organisierten Widerstand braucht, um ihm klarzumachen, dass die Leute nicht kooperieren, kollaborieren oder partizipieren werden. Ich organisiere das nicht, ich habe nur gesagt, man sollte das organisieren. Wenn man Trump irgendetwas zugute halten möchte, dann, dass die Demokratie in Amerika seit langer Zeit nicht mehr so gesund war wie jetzt. Die Leute sind so besorgt über den Tod der Demokratie, dass sie aktiv werden, um ihn zu verhindern.

Aber gleichzeitig sehen wir, wie der Aktivismus auch die Demokraten im Kongress auf einen unversöhnlichen Blockadekurs gegenüber Trump und die Republikaner geführt hat. Das erinnert sehr daran, wie die Republikaner Obama blockiert haben und auf einmal die Tea Party auftauchte. Passiert hier nicht etwas Ähnliches nur auf der anderen Seite? Ist das nicht genauso ein Problem für die demokratische Kultur?

Absolut, ja. Ich wünschte, das würde nicht so passieren. In einer perfekten Welt wäre die politische Mitte wohl der gesündeste Ort. Kompromisse und ein Sinn für Kollaboration und Problemlösung sind das, was wir brauchen. Absolut. Aber gerade jetzt funktioniert das System nicht mehr so. Geld bestimmt in den USA die Politik. Um an Geld kommen, musst du typischerweise eher ein ideologisch Getriebener sein, als ein Pragmatiker. Der harte rechte Flügel der republikanischen Partei hat absolut jede moderate republikanische Identität zerstört. Das hat man während den republikanischen Vorwahlen gemerkt, die an die Bar-Szene in "Star Wars" erinnert haben. Ein Kandidat war seltsamer als der andere und es war nie ganz klar, ob sie überhaupt an die Positionen glaubten, die einzunehmen sie gezwungen wurden.

Dieser Verfall hat einen Präsidenten Trump wohl erst ermöglicht.

Es hat ihn unausweichlich gemacht. Barack Obama hat anfangs versucht, so zu regieren, als gäbe es noch Republikaner, mit denen er zusammenarbeiten könnte. Aber Mitch McConnell (Anführer der Republikaner im Senat, Anm.) hat ihm damals erklärt: Unser Anspruch ist es, dich zu einem „One Term President“ zu machen, dich also auf eine Amtszeit zu beschränken. Wir wollen dich scheitern sehen. Das ist keine sehr staatsmännische Position. Es ist aber nicht überraschend, dass die Demokraten jetzt ihrerseits zu Trump sagen: Wir machen dich zu einem „One Term President“ und wir wollen dich scheitern sehen.

Besteht dann für die Demokraten dieselbe Gefahr, durch eine zunehmende Radikalisierung gespaltet zu werden, wie es bei den Republikanern passiert ist? Kommt als nächstes die demokratische " Star Wars"-Bar?

Lassen Sie mich einen historischen Vergleich anstellen: Winston Churchill war der perfekte Mann für eine Aufgabe, nämlich den Zweiten Weltkrieg zu führen. Aber er war nicht der perfekte Mann für das, was danach kam. Er verlor sein Amt ziemlich bald. Was wir jetzt sehen ist ebenfalls ein globales Phänomen, das sind Brexit, Le Pen in Frankreich und so weiter. Wir sehen das Ende des Konsenses darüber, wie die Welt funktioniert. Es tut mir Leid, dieses Ende in meinem Alter noch zu sehen. Wir wissen nicht genügend zu schätzen, was die vergangenen 70 Jahre gebracht haben: wir hatten relativen Frieden, die Lebensqualität vieler Leute auf der Welt hat sich graduell verbessert; wir haben nukleare Bedrohungen überlebt.

Aber wenn dieser Konsens endet, lautet die Frage: Was kommt als nächstes? Ich denke, die demokratische Partei sollte sich weniger damit beschäftigen, wie man Trump scheitern lässt. Sie sollten sich lieber überlegen, wie sie sich ihre Politik in einer Post-Trump-Welt vorstellen. Es wäre eine Tragödie, wenn Trump nicht wiedergewählt würde und alles was die Demokraten versuchen, ist, das zerbrochene Porzellan wieder zusammenzusetzen. Das wäre eine verschwendete Chance.

Die Medien befinden sich derzeit genauso auf Neuland, wie alle anderen. Die Reaktion der Mainstream-Medien war bisher, über alles zu berichten, was nur irgendwie mit Trump zu tun hat. Dass von den ersten zehn Artikeln auf Nachrichtenseiten neun über Trump sind, ist normal. Halten Sie das für den richtigen Weg?

Er ist nun mal die große Geschichte und man muss darüber schreiben. Dieser Typ saugt sprichwörtlich den Sauerstoff aus dem Raum ab. Was er tut ist beispiellos. Und auch über die Leute um ihn herum sollten wir Bescheid wissen. Man kann keinem Medium vorwerfen, über etwas zu berichten, das die Leute legitimerweise am meisten beschäftigt.

Allerdings darf man auch keine Scheuklappen haben. Es sollte nicht nur darum gehen, auf Trump zu schauen, sondern auch auf die Konsequenzen seines Tuns. Es reicht nicht, nur wiederzugeben, was er täglich sagt und das als Nachricht zu betrachten. Das meiste davon hat keinen Nachrichtenwert. Das sind nur Dinge die er sagt, weil er ADHS hat, Egomane und Narzisst ist. Dass alles zu groß zu behandeln, ist nicht produktiv.

Es gibt auch den Aspekt, dass Medien von Trump-Geschichten profitieren. Er verkauft Zeitungen, bringt Klicks und Abonnenten. Ist das nicht ebenfalls eine Motivation, groß über ihn zu berichten?

Kein Zweifel, die New York Times profitiert von Leuten wie mir, die eine Zeit lang die Nachrichten nicht mehr ausgehalten haben, weil das alles so schmerzhaft anzusehen war. Jetzt will jeder die Nachrichten sehen um herauszufinden, was das nächste Stück in dieser sich ständig entwickelnden Geschichte ist. Und als Lob für die New York Times: Auf den Meinungsseiten nennen sie die Dinge mittlerweile beim Namen. Am Anfang hielt ich ihre Berichterstattung für fürchterlich. Der Ansatz der Mainstreammedien war naiv. Trump hat die Presse an der Nase herumgeführt. Er hat die Journalisten dazu gebracht, Artikel darüber zu schreiben, wie sie von ihm angegriffen werden. Jetzt sind sie an einem Punkt angelangt, wo sie eine Lüge auch als Lüge bezeichnen. Und sie gewinnen Abonnenten. Das ganze alte System beginnt aufzuwachen, in einer Welt von Social Media, Post-Truth und Fake News.

Immer wieder kommt die Frage auf, wie lange sich Trump wirklich halten wird können. Die Szenarien reichen von freiwilligem Abgang bis zur Absetzung durch den Kongress. Auch ein Nervenzusammenbruch wird ihm, eher scherzhaft, prophezeit. Was soll man davon halten?

Ich kann mich nicht an einen Präsidenten erinnern, bei dem sich die Leute nach nicht einmal 100 Tagen im Amt schon fragten, ob er die vollen vier Jahre durchhält. Wenn diese Frage irgendetwas aussagt, dann nichts über Trump, sondern über die Fassungslosigkeit, die Trump entgegenschlägt. Die Vorstellung seines Abgangs ist eine eskapistische Fantasie. Man ist konfrontiert mit vier Jahren Trump und sucht für sich einen emotionalen Notausgang. Die Wahrheit ist: Wir haben ihn gewählt und wir leben damit. Und Trump könnte sogar für eine zweite Amtszeit gewählt werden.

Beschäftigt die Leute die Vorstellung, dass er vielleicht nicht durchhält?

Ja. Auch, weil seine Popularität bei 40 Prozent oder weniger liegt, also ziemlich schlecht. Das Weiße Haus hat bisher schockierende Fehler begangen. Trump ist ein instabiler Mann. Stephen Bannon ist eine unglaublich bizarre Wahl als Berater. Seine Familie… Es ist schwer für die Leute, den Sinn hinter diesen Dingen zu verstehen. Und wenn so etwas passiert, beginnt man es sich zurechtlegen: Das kann unmöglich so weitergehen. Es gibt Dinge, die unvorhersehbar sind. Wir wissen nicht, was die Ergebnisse der Russland-Untersuchungen sein werden. Aber sagen wir einmal, dass dabei nichts herauskommt. Dann ich sehe keinen Grund, warum seine Präsidentschaft nicht so weitergehen sollte.

Wie würden Sie die Veränderungen im politischen System der USA, deren Zeugen wir gerade sind, einordnen?

Das sind die größten Veränderungen seit Lyndon B. Johnson. Trump versucht, die demokratischen Errungenschaften der vergangenen 70 Jahre rückgängig zu machen: Den New Deal, die Great Society, Bürgerrechte, die Verbesserungen in der Umweltpolitik. Wieviel davon kann man ausradieren? Wir werden es sehen.

Alan Webber war auf Einladung des Think Tanks „Academia Superior“ in Österreich und moderierte am „Surprise Factors Symposium“, das von 31. März bis 2. April in Gmunden stattfand.