Politik | Ausland
13.06.2017

Afrika lebt von seinen Flüchtlingen

Warum viele afrikanische Staaten gar kein Interesse haben, Migration zu stoppen, und warum Geld auch nicht hilft.

Ein kleines Dorf, irgendwo in Westafrika. Der karge Boden, über Jahrhunderte Lebensgrundlage der örtlichen Bauern, nährt die Familien kaum noch. Jahr für Jahr frisst sich die Sahara weiter nach Süden. Und immer mehr Menschen ziehen Richtung Norden. Ziel: Europa. Die Passage ist gefährlich und teuer. Oftmals legt ein ganzes Dorf zusammen, um einen der Ihren auf die Reise zu schicken, meist werden junge, kräftige Männer ausgewählt, denen man es am ehesten zutraut, sich ins vermeintlich gelobte Land durchzuschlagen.

Rund eine Milliarde Menschen leben derzeit auf dem afrikanischen Kontinent, in gut 30 Jahren werden es doppelt so viele sein. Der Migrationsdruck wird schon alleine aus diesem Grund nicht abnehmen, im Gegenteil. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani warnt gar vor 20 bis 30 Millionen, die in zehn Jahren kommen könnten – wenn Europa nicht ein milliardenschweres Programm auflegt, um Probleme in den einzelnen Ländern zu lösen.

Deren gibt es viele, vor denen die Afrikaner fliehen. Klimawandel mit Extremwetterlagen wie Dürren oder Überschwemmungen, Terror, diktatorische Regime, interne Konflikte, Bürgerkriege. Und dann gibt es ein starkes Argument, das in dieser Debatte oft vernachlässigt wird: Viele Staaten sehen den Exodus ihrer Landleute durchaus positiv – weil sie ohne die Rücküberweisungen ("remittances") der Arbeitsmigranten kaum überleben könnten.

"Marshallplan"

35 Mrd. Dollar schickten diese im Jahr 2015 in ihre Heimaten – dieser Betrag hat sich in den vergangenen zehn Jahren übrigens um 50 Prozent gesteigert. Darin inkludiert sind zwar auch die Beträge jener Afrikaner, die in anderen Ländern des Kontinents jobben – das sind immerhin zwei Drittel der insgesamt mehr als 23 Mio. afrikanischen Migranten. Allerdings gehen Schätzungen davon aus, dass "Gastarbeiter" in den OECD-Staaten – knapp sechs Mio. – für rund die Hälfte der jährlichen Transfers verantwortlich zeichnen.

Gegen die Summe von eben 35 Mrd. US-Dollar nehmen sich die 1,8 Mrd. Euro, die die EU für "Reintegrationsmaßnahmen" für Rückkehrer in Aussicht gestellt hat, mickrig aus. Dementsprechend resolut und fordernd treten auch einige afrikanische Staatschefs auf. Als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Oktober 2016 bei ihrem Besuch in Niger Präsident Mahammadou Issoufou 17 Mio. Euro als Sofortmaßnahme zusagte und weitere 60 Mio. für die Schaffung von Arbeitsplätzen in Agadez, der größten Drehscheibe für Migranten in der Sahara, reagierte dieser kühl – und mahnte Milliarden für einen "Marshallplan" ein.

Dieser wird von europäischen Stellen immer wieder ins Spiel gebracht, um die Wirtschaft in Afrika anzukurbeln und den Menschen in den jeweiligen Ländern eine Perspektive zu bieten. Allerdings mangelt es bisher am politischen Willen und Mut, sehr viel Geld in die Hand zu nehmen. Umgekehrt fehlen auch die verlässlichen Ansprechpartner auf dem Kontinent: Autoritäre, korrupte Regime ohne demokratische Strukturen, oft in interne Konflikte verstrickt, sind weit verbreitet. Das Investment könnte in dubiosen Kanälen versickern und verpuffen.

Und so finanzieren sich viele Länder über Transfers ihrer Arbeitsmigranten. Besonders krass stellt sich das in Liberia dar. Dort machen die Rücküberweisungen fast ein Drittel des BIP aus. In Gambia, das überdurchschnittlich viele Migranten stellt, liegt dieser Wert bei 22,4 Prozent. Im Senegal sind es zwölf Prozent (1,6 Mrd. Dollar), in Ghana sechs Prozent (2,1 Mrd. Dollar).

Überlebens-Faktor

Nigeria, das mit 180 Mio. Einwohnern bevölkerungsreichsten Land des Kontinents, kommt auf eine "Remittances"-Quote von vier Prozent des BIPs – 20,5 Mrd. Dollar. Laut Weltbank wird mit diesem Geld ein Drittel aller Importe finanziert.

Das sind Summen, die nicht nur die klassische Entwicklungshilfe bei weitem übersteigen, sondern oftmals auch ausländische Investitionen – wenn man von China absieht. Insofern könnten es sich die allermeisten afrikanischen Staaten derzeit gar nicht leisten, Maßnahmen gegen die Abwanderung zu setzen. "Go north" bleibt daher bis auf Weiteres die Devise für viele Afrikaner.