Politik | Ausland
07.02.2017

Afghanistan: Nato-Truppenabzug löste Fluchtbewegung aus

Die Sicherheitslage im Afghanistan hat sich seit dem Rückzug der Nato und USA verschlechtert. Darin sieht die Regierung den Grund für das Wachstum der Zahl der flüchtenden Menschen.

Die hohe Anzahl von Menschen aus Afghanistan, die in den vergangenen Monaten und Jahren Deutschland erreichten, ist nach Einschätzung der Regierung in Kabul eine direkte Folge des Abzugs der internationalen Kampftruppen. Ursache der Fluchtbewegung seien "in erster Linie Sicherheitsprobleme", sagte der Sicherheitsberater von Präsident Ashraf Ghani am Dienstag in Brüssel.

Die verstärkte Abwanderung habe zu dem Zeitpunkt begonnen, als der Truppenrückzug der Nato und der USA gestartet worden sei. "Da gibt es eine direkte Verbindung", sagte Mohammad Hanif Atmar.

Mit Blick auf die von Deutschland geplante Rückführung Tausender Menschen nach Afghanistan warnte Ghanis Sicherheitsberater vor allzu viel Optimismus. Die Rückkehr werde problematisch sein, sagte er. "Das ist nicht so, als wenn ein Tourist ein Land verlässt und nach Hause zurückkehrt."

Der Nato-geführte Kampfeinsatz in Afghanistan war Ende 2014 beendet worden. Seitdem hat sich die Sicherheitslage in dem von radikalislamischen Taliban terrorisierten Land noch einmal verschlechtert. Insgesamt sind nach einem UN-Bericht im vergangenen Jahr allein 11.418 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Erst am Dienstag gab es einen verheerenden Anschlag vor dem Obersten Gerichtshof in Kabul.

Afghanistan: Krieg gegen die Kinder

"Es war am Tag vor Ramadan, als die Taliban ins Dorf kamen. Mein Mann entschied, dass wir sofort gehen müssen, bevor sie anfingen, die afghanische Armee anzugreifen, die in der Nähe war. Ich hatte gerade ein Baby bekommen.

Wir gingen also los, Mann, Schwiegermutter, drei Kinder und ich mit dem Baby. Aber plötzlich landete eine Mörser-Granate neben uns. Ich flog auf den Boden, verletzt. Aber mein neugeborener Bub wurde von einem Splitter in die Brust getroffen. Nach ein paar Minuten war er tot."

Mit diesem Bericht einer jungen Frau aus der Provinz Farah beginnen die Vereinten Nationen einen der wichtigsten Jahresberichte zur Situation in Afghanistan. Der am Montag veröffentlichte Report zu den zivilen Opfern des afghanischen Krieges hat 111 Seiten. Er ist reich an Augenzeugenberichten, Statistiken und Kontext und illustriert so das Leiden von Kindern, Frauen und Männer, die im Kampf der islamistischen Taliban mit der afghanischen Regierung zwischen die Fronten geraten. Kurz gesagt: Das Leiden hat weiter zugenommen.

Wieder seien innerhalb eines Jahres mehr Zivilisten getötet oder verletzt worden, berichtet die UNO - in Zahlen: 11.418 Afghanen. Das seien drei Prozent mehr als noch 2015.

Interessant ist der Bericht aber auch, weil er über die Schicksale der Opfer die Dynamiken eines Krieges erklärt, der sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 rapide verändert hat.

24 Prozent mehr getötete oder verletzte Kinder

Der schockierendste Trend im neuen Bericht: Der Krieg wird zum Krieg gegen die Kinder. Um 24 Prozent sei die Zahl der getöteten oder verletzten Kinder 2016 angestiegen. Das liege unter anderem daran, dass Kämpfe sich zunehmend in dicht besiedelten Gebieten abspielten.

Ein weiterer Trend, der viel aussagt über die Natur des Konflikts: Sehr viel mehr Luftangriffe der USA und der wachsenden afghanischen Luftwaffe töten sehr viel mehr Zivilisten. Hier ist die Opferzahl um ganze 99 Prozent gestiegen, auf 250 Tote und 340 Verletzte.

Diese Luftangriffe, sagen Experten in Kabul, seien oft das einzige Mittel, die Taliban abzuwehren - was wiederum viel verrät über die Kapazitäten der afghanischen Streitkräfte, die ihren Krieg eigentlich nun alleine ausfechten sollen. Es erklärt auch, weshalb es, anders als früher, kaum Proteste der Regierung über zivile Opfer gibt.

Starke Zunahme bei Selbstmordanschlägen

Und noch ein wichtiger Trend: die Zunahme der Selbstmordanschläge. Drei Viertel aller Opfer gab es in der Hauptstadt Kabul. In 16 Anschlägen wurden 1.514 Zivilisten getötet oder verletzt. Das ist ein Anstieg von 75 Prozent gegenüber 2015.

Der UNO-Bericht zu den zivilen Opfern ist aber bei weitem nicht der einzige, der Alarm schlägt über den Verlauf eines Krieges, der für viele Regierungen in der Welt in die zweite Reihe gerückt ist.

Afghanische Regierung verlor Kontrolle über Provinzen

Erst vergangene Woche hat zum Beispiel der Spezialinspektor des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan, John Sopko, in seinem vierteljährlichen Bericht deutlich gemacht, wie schnell die afghanische Regierung 2016 die Kontrolle über Provinzen verloren hat. Nur noch 57,2 Prozent des Territoriums seien in ihrer Gewalt - rund sechs Prozent weniger als noch im August und 15 Prozent weniger als 2015.

Aber es gibt mehr Arten zu sterben, als durch Kugeln oder Bomben. Das machen die wöchentlichen "Feldberichte" der UNO-Agentur für humanitäre Hilfe ( OCHA) deutlich. Ebenfalls am Montag veröffentlicht sie einen weiteren Bericht, der meldet, dass sie nach Bereinigung von Zahlen nun knapp 650.000 Konfliktvertriebene 2016 sieht - Menschen, die mitten im Winter oft kein Dach über dem Kopf haben, wenig Essen und selten Geld.

OCHAs Fallstudien zeigen, wie sehr auch die unblutigen Faktoren des Krieges Leben gefährden können - die vielen Straßenblockaden der Taliban zum Beispiel. Wer nicht zum Markt kann, kann sein Gemüse nicht verkaufen. Hat so kein Geld für Essen oder den Arzt. Begräbt deshalb Kinder am Ende eines Winters, wenn die Erde taut.

Der Hohe Kommissar der UNO für Menschenrechte, Zeid Raad al-Hussein, sagt es zur Vorstellung des neuen Berichts zu den zivilen Opfern in Afghanistan so: "Die Konsequenzen eines jeden Akts der Gewalt erschüttern die Familien, ganze Gemeinden, und hinterlassen sie gebrochen, nicht in der Lage, sich selbst zu helfen."
Für all das scheint kein Ende in Sicht. Die UNO packt es in einen dürren, kleinen Satz: "Frieden 2017 - es ist unwahrscheinlich."

Anschlag vor Oberstem Gerichtshof in Kabul

Bei einer Selbstmordanschlag vor dem Obersten Gerichtshof Afghanistans in der Hauptstadt Kabul sind mindestens 19 Menschen getötet und 41 verletzt worden. Das sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Dienstagnachmittag.

Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, der Täter sei zu Fuß gewesen und habe seine Sprengladung am Tor des Gerichts gezündet. Alle Opfer seien Zivilisten. Medien hatten zuvor von einem Anschlag auf dem Parkplatz berichtet.

Anrainer berichteten über soziale Medien, die Bombe sei hochgegangen, als Angestellte das Gerichtsgebäude nach Feierabend verließen. Ein Sprecher der Kabuler Polizei sagte, zu Opfern oder Tätern gebe es noch keine Hinweise. Bisher hat sich keine Extremistengruppe zu der Tat bekannt.

Die radikalislamischen Taliban greifen seit Jahren regelmäßig Gerichte und ihre Mitarbeiter an. Sie wollen Afghanistan ausschließlich unter dem islamischen Scharia-Gesetz sehen.

Erst einen Tag vor dem Anschlag hatten die Vereinten Nationen ihren Jahresbericht zu zivilen Opfern des afghanischen Krieges vorgestellt. Darin hatten sie auch auf den Anstieg der vor allem von Islamisten verübten Selbstmordanschläge im Land aufmerksam gemacht. Drei Viertel aller Opfer gab es in Kabul. In 16 Anschlägen wurden im vergangenen Jahr 1514 Zivilisten getötet oder verletzt. Das ist ein Anstieg um 75 Prozent gegenüber 2015.

Die UNO machte die radikalislamischen Taliban für mindestens 61 Prozent aller zivilen Opfer verantwortlich. Die wiesen den Bericht am Montag als unfair und falsch zurück.