Politik | Ausland
10/10/2016

"Ich bitte dich, schlag mir in den Bauch"

Europa kennt viele Grenzen. Manche sind handfest wie ein Grenzzaun, manche symbolisch wie eine Obergrenze. In Irland stoßen Frauen an ihre Grenzen. Wenn es um ihre Körper geht, entscheiden nämlich nicht sie, sondern der Staat.

Megan ist zornig, zornig auf sich, zornig auf die Situation und zornig auf die Politik, die so etwas zulässt. "Wie konnte es nur so weit kommen?", fragt sie sich und starrt minutenlang auf ihre rechte Handfläche. Ihr Blick schweift nicht ab, auch dann nicht, als alles vor ihren Augen verschwimmt und nur noch vage Konturen ihrer Finger zu erkennen sind.

"Megan? Megan? Megan?"

Die junge Frau zuckt zusammen, schaut auf und versteckt schnell ihre rechte Hand. "Megan? Alles in Ordnung?", fragt ihre Mutter. "Ja, alles gut. Ich bin nur müde", antwortet sie und ballt ihre Hand zu einer Faust, so fest, dass sich jede einzelne Tablette in ihre Haut hineinbohrt.

Drei Tage zuvor hat die 23-jährige Irin die Tabletten aus den Niederlanden bestellt. Und obwohl sie jetzt zögert, hat sie sich schon vor Wochen entschlossen, sie zu nehmen. Zuerst die ovale fingernagelgroße, dann, 24 Stunden später vier weitere sechseckige Tabletten, die sie laut Informationen aus dem Internet eine halbe Stunde unter ihre Zunge zergehen lassen muss, bis sie die Überreste zusammen mit ihrem Speichel runterschlucken kann. Nach weiteren vier Stunden nochmals zwei Tabletten. Danach wird Megan einige Tage erschöpft im Bett verbringen, dann ins Krankenhaus gehen, weil die Schmerzen im Unterleib und die Blutungen nicht aufhören, erzählt sie. Dort aber wird sie schweigen, falls nötig, auch lügen. Niemand darf erfahren, was sie getan hat, weder Ärzte, die ihr sowieso nicht helfen könnten, noch ihre Mutter, die "zu katholisch" ist.

Es war ein Dienstag im Mai dieses Jahres, als Megan die erste von sieben Abtreibungspillen geschluckt hat. Sie saß im Wohnzimmer, die Mutter, die für ein paar Tage zu Besuch war, in der Küche. "Sie hätte es nicht verstanden", sagt Megan, dunkelbraune, lange Haare, braune Augen, schwarze Lederjacke. "Niemand aus meiner Familie hätte es verstanden."

Vier Monate sind seit ihrem Schwangerschaftsabbruch vergangen. Heute sitzt Megan in einem Dubliner Café nahe der O’Connell Street. Aus den Musikboxen tönt irische Folklore, in der Fußgängerzone versammeln sich ein paar Mädchen und bereiten sich auf den "March For Choice" vor, mit rund 25.000 Teilnehmern die bisher größte Kundgebung gegen die rigorosen Abtreibungsgesetze in Irland.

"Verbrechen gegen das ungeborene Kind"

Megan spricht leise, sie möchte anonym bleiben. Sie bereut ihre Entscheidung nicht, weiß aber, wenn jemand erfährt, dass sie illegal abgetrieben hat, drohen ihr Konsequenzen. Deshalb hat sie gelogen. Ihrer Mutter, ihrem Arzt und ihren Freunden sagte Megan, dass sie eine Fehlgeburt hatte. "Ich will nicht abgestempelt werden. Wer abtreibt, wird als Nutte oder Mörder beschimpft."

Obwohl sich immer mehr Frauen offen zu ihren Abtreibungen bekennen, sind in Irland Schwangerschaftsabbrüche noch immer ein Tabuthema. Das überwiegend katholische Land hat im europäischen Vergleich (nur Malta ist restriktiver) ein besonders strenges Abtreibungsrecht: Schwangerschaftsabbrüche sind de facto verboten.

Das Verbot beruht auf britischem Recht aus dem Jahr 1861. Wer beabsichtigte, Mittel zu benutzen, die zu einer Fehlgeburt führen, wurde mit "lebenslanger Zuchthausstrafe" geahndet. Während Großbritannien - abgesehen von Nordirland - das Abtreibungsverbot im 20. Jahrhundert allmählich gelockert und mit dem Abortion Act 1967 schließlich aufgehoben hat, verschärfte die grüne Insel, die seit 1921 unabhängig ist, ihre Gesetzgebung.

Doch erst mit dem sogenannten "McGee gegen die Staatsanwaltschaft"-Fall in den Siebzigerjahren wurde die bis dahin latente Debatte über das Abtreibungsverbot auch öffentlich diskutiert. In den Jahren zuvor stimmte man mit der katholischen Kirche überein: Abtreibung ist Mord, Abtreibung ist ein "Verbrechen gegen das ungeborene Kind". Der mächtigsten Institution in Irland widersprach man für gewöhnlich nicht.

1973 änderte sich das allerdings, als die vierfache Mutter Mary McGee während einer Schwangerschaft einen Schlaganfall erlitten hat und die Gefahr bestand, dass sie mit einer weiteren ihr Leben riskiert. Deshalb sollte sie auf Anraten ihres Arztes künftig Verhütungsmittel benutzen. "Diese waren aber bis 1979 nur illegal unter der Ladentheke zu haben", erklärt Ivana Bacik, irische Labour-Politikerin und Strafrechtsprofessorin am Dubliner Trinity College. "Das Höchstgericht nahm sich dem Fall an und hat 1974 entschieden, dass Ehepaare das Recht auf private Entscheidungen, Verhütung, bei der Familienplanung haben."

Ein Anwalt für den Fötus

Kirchenvertretern seien gegen den dafür erlassenen Health (Family Planning) Act 1979 Sturm gelaufen, sagt Bacik. "Man fürchtete, das Höchstgericht könnte nun auch das Abtreibungsverbot kippen. Das wollte die Kirche mit allen Mitteln verhindern und hat es bekanntlich auch geschafft."

Im September 1983 kam es zu einem Referendum, bei dem die Mehrheit (66,90 Prozent) für den Achten Zusatzartikel der irischen Verfassung stimmte. Dieser garantiert dem Fötus schon bei der Zeugung ein Recht auf Leben.

Dieser Zusatzartikel wurde noch einige Mal adaptiert und auch gelockert. Seit 1992 dürfen sich irische Frauen Informationen beschaffen und im Ausland abtreiben. In Irland selbst sind Schwangerschaftsabbrüche erst seit 2013 legal, aber auch nur dann, wenn sechs Ärzte bestätigen, dass das Leben der Mutter in Gefahr ist (auch Suizidgefährdung). Abtreibungen nach einer Vergewaltigung, Inzest oder wenn der Fötus irreversible schwere Schädigungen vorweist, sind weiterhin verboten. Es drohen Haftstrafen von bis zu 14 Jahren.

Wegen der rigorosen Gesetzgebung kam es immer wieder zu Gerichtsprozessen, bei dem auch dem Fötus - im übertragenen Sinn - ein Anwalt zur Seite stand. 1992 verbot zum Beispiel das oberste Gericht einem 14 Jahre alten Mädchen, das nach einer Vergewaltigung schwanger geworden war, in England abzutreiben. Die Entscheidung wurde jedoch revidiert. 2007 wollte eine junge Frau in England abtreiben, weil ihr ungeborenes Baby an Anenzephalie litt, einer Krankheit, bei der große Teile des Gehirns fehlen. Die irische Gesundheitsaufsicht HSE beauftragte die Polizei, die junge Frau zu stoppen. Erst das Höchstgericht erlaubte die Ausreise.

Jährlich gebe es rund 40 Anenzephalie-Fälle in Irland, aber keine Möglichkeit abzutreiben, sagt der irische Arzt Tiernan Murray. "Das Kind hat keine Überlebenschance, es wird drei Tage nach der Geburt sterben. Und trotzdem müssen es Frauen laut Gesetz gebären."

Selbst Ärzte müssen mit hohen Haftstrafen rechnen, wenn sie beabsichtigen, einer schwangeren Frau bei einem Schwangerschaftsabbruch zu helfen. Schon die bloße Absicht reicht aus, um die Lizenz zu verlieren.

Frauen, die abtreiben, sind Nutten

Das weiß auch Geraldine. Sie ging zu keinem Arzt, er hätte ihr sowieso nicht helfen können, erklärt sie. Schwangere Frauen würden sich im Internet ihre Informationen holen. Auch, wie man im Ausland abtreibt.

Die 37-Jährige aus der südirischen Stadt Kilkenny ist eine von rund 165.500 irischen Frauen, die seit 1980 in England oder Wales abgetrieben haben. "Es war am 28. Dezember 2013. Ich weiß noch, dass ich mich am Dubliner Flughafen überall umgeschaut habe, weil ich Angst hatte, dass mich jemand erkennt. Niemand hat gewusst, dass ich im Ausland abtreiben werde", sagt Geraldine, die sich damals in der zwölften Schwangerschaftswoche befand. In der Liverpooler Klinik BPAS Merseyside wurde sie untersucht, in den ersten Stock gebracht und "bevor ich es richtig realisieren konnte, war ich schon wieder draußen".

Noch am selben Tag war sie wieder zurück in Kilkenny, "kurz vor Mitternacht war das", sagt sie. Aus Angst wegen der Abtreibung stigmatisiert zu werden, begründete sie ihre Abwesenheit mit einer Fehlgeburt und ging vier Tage später wieder arbeiten. Am Land über eine Abtreibung zu sprechen, wäre unmöglich, sagt Geraldine, „Frauen, die abtreiben, sind kriminell, haben entweder eine Affäre oder sind Nutten.“

Die 37-Jährige hat ihre Entscheidung nie bereut hat. "Niemand will abtreiben, aber für mich war es richtig. Ich fühle mich trotzdem schuldig, weil ich meine Freunde und Familie anlügen musste. Aber mir blieb nichts anderes übrig."

"Vergewaltigungsopfer werden nicht schwanger"

Egal wie und egal wo, Frauen, die abtreiben werden stigmatisiert, sagt auch Rita Harrold, Sprecherin der Organisation ROSA (For Reproductive rights, against Oppression, Sexism & Austerity), die sich unter anderem für Frauenrechte in Irland einsetzt. Es sei aber auch ein ökonomisches Problem. "Viele Frauen können sich den über 1.000 Euro teuren 'Tagestrip' nach England nicht leisten", erklärt sie. Das bedeute aber nicht, dass nun weniger abgetrieben wird. "Es passiert heimlich und illegal, jeden Tag."

Mediale Aufmerksamkeit erlangte ROSA mit dem "Abortion Pills Bus" im Jahr 2015. Mit einem Bus sind die Aktivistinnen quer durch Irland gefahren ist, um Frauen über Abtreibungspillen aufzuklären. Dass die Einnahme von den Tabletten in Irland illegal ist, stört Harrold nicht. "Ist es besser, dass Frauen, die sich schon entschlossen haben, abzutreiben, die Treppe runterstürzen? Die Tabletten wurden von der WHO als sicher eingestuft und Frauen sollen selbst über ihren Körper entscheiden", kontert die Aktivistin. ROSA hätte nur das getan, was die Politik seit Jahrzehnten vernachlässigt: "Aufklärung."

Die mangelnde Aufklärung bestätigt auch Peter McGuire. Der Journalist der Irish Times hat sich 2014 sechs Monate lang mit der Sexualkunde an irischen Schulen beschäftigt und ist im Zuge seiner Recherchen auf externe Organisationen (Youth Defence, Family & Life oder Life Pregnancy Care) gestoßen, die auf Einladung, Vorträge über Abtreibungen, Sex und Verhütungsmittel halten.

"Dagegen ist ja nichts einzuwenden", sagt McGuire. "Aber die Mehrheit dieser Organisationen gehört der Pro-Life-Lobby (sie setzen sich für ein absolutes Abtreibungsverbot ein, Anm.) an. Schülern wird weisgemacht, dass eine Abtreibung die inneren Organe zerstört. Oder dass Frauen, die abtreiben, Kinder misshandeln. Oder dass Verhütungsmittel nicht funktionieren. Oder dass Vergewaltigungsopfer nicht schwanger werden können."

Je nach Ethos erfolgt der Unterricht

Weil Schulen nicht verpflichtet sind, Buch über externe Organisationen zu führen, weiß man im Bildungsministerium von diesen Vorträgen auch nichts, erklärt der Journalist. "Teenagern wird nicht die Realität von Sex und Beziehungen gelehrt. Diese 'Lehrer' verbreiten Lügen und wollen gar nicht erst aufklären, sondern missionieren."

Relationships and Sexuality Education, kurz RSE, ist ein verpflichtendes Modul an Primär- und Sekundärschulen in Irland, sagt Diane O’Gorman, Sprecherin des irischen Bildungsministeriums, gegenüber Kurier.at. "Gemäß Education Act 1998 ist es Sache der Direktion, welche Materialien verwendet werden, um den Schulplan umzusetzen. Schulen haben nämlich je nach Ethos unterschiedliche Unterrichtsansätze."

Mit "Ethos" wird in Irland die ideologische Ausrichtung der Schule verstanden. Laut einem 2012 erschienenen Bericht zufolge, der vom irischen Bildungsministerium in Auftrag gegeben wurde, werden mehr als 90 Prozent der öffentlichen Primärschulen von der katholischen Kirche geleitet.

An einer dieser Schulen war auch Megan. Die heute 24-jährige kann sich nur noch lückenhaft an die Sexualerziehung erinnern. "Natürlich war es damals peinlich. Unser Lehrer war der Pfarrer aus dem Dorf, der auch den Religionsunterricht abgehalten hat. Er hat uns gesagt, dass wir uns erst küssen dürfen, wenn wir geheiratet haben."

Sie habe sich damals dabei nichts gedacht. Denn als sie 14 Jahre war, war das die einzige Möglichkeit, irgendetwas zu erfahren. "Meine Mutter wollte mit mir über Verhütung oder Sex nicht sprechen. Sie gab mir ein Buch, ich sollte das lesen", erzählt Megan. Auf die Frage, ob man in der Schule auch über Abtreibung gesprochen habe, nickt die junge Frau, rückt näher und flüstert: "Ich habe eine Freundin gefragt, was sie tun würde, wenn sie schwanger wird. Sie sagte nur: 'Ich würde dich bitten, mir in den Bauch zu schlagen'."


Anmerkung I: Dieser Artikel entstand im Rahmen von eurotours 2016, einem Projekt des Bundespressedienstes, finanziert aus Bundesmitteln.

Anmerkung II: Organisationen, die gegen Schwangerschaftsabbrüche sind - wie Youth Defence, The Life Institute oder Pro Life Campaign, aber auch die katholische Kirche -, haben entweder auf E-Mails nicht reagiert oder den Kontakt abgebrochen.