Eines der 60 Zimmer: Viel vom Mobiliar stammt aus dem mittlerweile abgerissenen Palast der Republik, dem einstigen DDR-Wahrzeichen .

© /Evelyn Peternel

Deutschland
07/25/2015

Jammer-Ossi und Besser-Wessi leben noch

25 Jahre deutsche Einheit: Es ist noch immer nicht – ganz – zusammengewachsen, was zusammengehört.

von Evelyn Peternel

Der Mann im Fernsehen heißt Erich Honecker", sagt Daniel Helbig zu seiner kleinen Tochter. "Und der daneben, der heißt Fidel. Fidel Castro."

Im Wriezener Karree Nummer 5, Berlin-Mitte, hat dieDDRnie aufgehört zu existieren. Daniel Helbig hat sich dort ein Reich geschaffen, in dem das Ost-Sandmännchen ebenso Platz hat wie die Stasi. In seinem "Ostel" geht man auf Zeitreise zurück in den Arbeiter- und Bauernstaat – und wohnt in 60 Plattenbau-Zimmern, umgeben von echtem DDR-Mobiliar. "Die Lampe zum Beispiel", sagt er und deutet auf ein Monstrum aus Glas hinter sich, "die stammt aus einem alten Stasi-Ferienheim. Da hingen noch die Mikrofone dran, als wir sie holten."
Der 43-Jährige hat mit seinem "Ostel" die DDR nicht hinter sich gelassen, er hat sie für sich genutzt. Helbig hat sein Hotel vor acht Jahren eröffnet, gemeinsam mit einem Freund – dort, wo er groß wurde. Der Plattenbau ist in der Nähe seiner alten Schule in Mitte. "Die stand direkt neben der Mauer. Hie und da warfen wir Bananenschalen rüber, dann hörte man die Wachhunde bellen." Dass dahinter eine Stadt lag, die auch Berlin hieß, wollte ihm lange nicht in den Kopf. Mittlerweile lebt er ganz gut von dieser einstigen Abnormalität.

Ostalgie-Welle

Wie präsent die DDR 25 Jahre nach der deutschen Einheit noch immer ist, sieht man aber nicht nur an den Devotionalien-Shops und Gemischtwarenläden, wo von Spreewaldgurke, Nudossi-Brotaufstrich und Tempolinsen unter dem Schlagwort Ostalgie alles zu Geld gemacht wird, was früher zur Volksversorgung gedacht war. Der Abdruck der DDR ist auch auf der wirtschaftlichen Landkarte noch überdeutlich.

Großes Gefälle

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, hat in einer aktuellen Studie erhoben, wie sich Ost und West im vergangenen Vierteljahrhundert angenähert haben. "Das Ergebnis hat uns selbst erstaunt", meint er. Während sich Ost und West in puncto Kinderzahlen, Bildung oder Umweltbedingungen mittlerweile durchaus ähnlich sind, ist der Grenzverlauf bei Themen wie Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftskraft oder Vermögen noch immer derselbe wie im Jahr 1991. "Von einer flächenhaften Angleichung zwischen Ost und West kann keine Rede sein."

Gut sichtbar wird das beim Einkommen. Im Osten verdient man heute mit durchschnittlich 2800 Euro nur drei Viertel dessen, was im Westen auf dem Konto landet. Gerade mal 6 der 500 reichsten Deutschen wohnen östlich der ehemaligen Grenzen. Wer Geld hat, meidet den Osten – und investiert dort auch nicht: Keines der 30 größten Börsen-Unternehmen im Dax hat seine Zentrale im Osten.

Verlassene Dörfer

Die Konsequenzen daraus sind vor allem in den kleinen Städten sichtbar. Immer mehr Häuser stehen leer, die Dörfer veröden – Immobilien sind in den neuen Bundesländern im Schnitt nur halb so viel wert wie jene im Westen. Seit dem Mauerfall haben die ostdeutschen Bundesländer zwei Millionen ihrer einst 14,5 Millionen Bürger verloren.

"Vor allem die Jungen gehen," sagt Reiner Klingholz, und das bereite ihm Sorge. Denn dort, wo viel Platz ist, breiten sich gerne rechtsextreme Gruppierungen aus – was umgekehrt wiederum eine Zuwanderung von Migranten schwer macht. "2015 sagte nur jeder zweite Ostdeutsche, dass Zuwanderer in der Bevölkerung willkommen seien, während es in Westdeutschland zwei von drei waren."

Auch Umzüge von West nach Ost gibt es kaum. Das mag möglicherweise daran liegen, dass die Vorurteile zwischen den Bewohnern der ehemaligen Nachbarstaaten noch nicht ganz verschwunden sind – der unzufriedene Jammer-Ossi existiert in diesem Repertoire ebenso wie der arrogante Besser-Wessi, beides Relikte aus den 1990ern. Eine vollständige Angleichung, meint Klingholz, werde noch einige Zeit dauern. "Eine Generation zumindest", sagt er.

Era, Daniel Helbigs kleine Tochter, wäre genau in dieser Generation. Vielleicht hilft es ihr ja, dass sie Erich Honecker nur aus dem Kuriositätenkabinett ihres Vaters kennt.

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