Arbeitszeitver­kür­zung: Weniger ist mehr

Stahlarbeiter
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Die SPÖ lässt darüber nachdenken. In der Voest ist die 34-Stunde-Woche Alltag. Den Lohnverlust gleicht das AMS aus.

Fürs Erste war es ein zarter Ansatz des Arbeitsministers, der Wirtschaftsvertreter prompt zu Protest veranlasste. Rudolf Hundstorfers Wunsch, es möge sich doch die Zahl derer, die noch eine 40-Stunden-Woche haben, reduzieren, wurde von der Arbeitgeberseite brüsk zurückgewiesen. Eine Verkürzung gefährde den Standort und koste Jobs, lautete die Replik. Tatsache ist: Die Debatte über Arbeitszeitverkürzung ist neu eröffnet. In der SPÖ wird wieder intern darüber diskutiert. In einigen Monaten könnten Modelle vorliegen. Primär geht es vor allem um ältere Arbeitnehmer, denen der Verbleib im Beruf erleichtert werden soll. Doch die Ideen in Richtung Arbeitszeitverkürzung könnten weiter reichen. Wie es intern heißt, geht es auch um neue sozialpolitische Akzente, die auch darauf ausgerichtet sind, für mehr Beschäftigung zu sorgen.

Voest

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Was weniger Arbeit dem Einzelnen bringt, führt der Paradebetrieb voestalpine mit Sitz in Linz vor. Mehr als 1000 Beschäftigte arbeiten dort nur noch 34,4 Stunden wöchentlich. Im Zuge der Stahlkrise im Dezember 2008 hatten sich die meisten Arbeiter im Bereich Roheisen zum Umstieg auf ein neues Schichtmodell entschlossen. Anstelle des jahrzehntelangen Vier- Schicht-Plans (drei Früh-, drei Mittags-, drei Nachtschichten und dann drei freie Tage) kommen sie nun in einem Fünf-Schicht-Modell (zwei Früh-, zwei Mittags-, zwei Nachtschichten, danach vier freie Tage) zum Einsatz. Die Umstellung brachte durchschnittlich 55 freie Tage mehr pro Jahr – und das tut den Betroffenen gut. Die geringere Zahl an Nacht-, Sonn- und Feiertagsschichten wirkt sich positiv auf ihr Familienleben und das soziale Umfeld aus. „Mitarbeiter erzählten uns unter Tränen, dass ihnen nichts Besseres hätte passieren können.

Und es haben Angehörige angerufen, die sich dafür bedankten, dass der Papa endlich Zeit für sie hat“, sagt Hochofenbe­triebsrat Klaus Haidinger. Horst Fischerlehner arbeitet seit 1984 am Hochofen. Der 49-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. „Die Strapazen des Schichtelns sind jetzt viel leichter zu verkraften. Ich kann nach Dienstschluss besser abschalten, bin weniger gereizt und auch nicht so oft krank.“ Neun Tage durchzuarbeiten sei ein Horror gewesen. „Ich merk’ jetzt den Unterschied, wie sehr das doch den Körper beansprucht hat.“ Auch das Betriebsklima habe sich deutlich gebessert. „Die Kollegen sind ausgeglichener und bei der täglichen Arbeit konzentrierter und flexibler.“ Lohneinbußen müssen die Voestler nur in sehr moderatem Ausmaß (96,48 Prozent vom vorherigen Bruttolohn) hinnehmen. „Für die ersten zwei Jahre nach dem Umstieg wird die Hälfte des Verdienstentgangs vom Arbeitsmarktservice ersetzt, dann springt der Konzern so lange ein, bis ihr Entgelt durch die alljährlichen Kollektivvertragserhöhungen wieder den ursprünglichen Wert erreicht“, sagt Manfred Hippold, Vorsitzender des Arbeiterbetriebsrates. An eine Rückkehr zum alten System denkt vorerst niemand – auch die Konzernspitze nicht. „Wir sehen die vielen Vorteile. Das neue Modell hat auch Arbeitsplätze geschaffen“, betont Konzernsprecher Peter Felsbach.

Arbeitszeit: Österreicher im Spitzenfeld

42 Stunden So viel wird hierzulande pro Woche gearbeitet. 38,5 Stunden Arbeitszeiten sollten regelmäßig am Prüfstand stehen – wegen Produktivitätssteigerungen und sich ändernden Bedingungen in den Betrieben. Produktivitätszuwächse können in Form geringerer Arbeitsstunden abgegolten werden. Die letzte Anpassung gab es 1985 – in vielen Kollektivverträgen wurde die Arbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden pro Woche reduziert.

Überstunden Laut Statistik Austria wurden 2011 rund 300 Millionen Überstunden geleistet, ein Drittel davon unbezahlt.

(kurier / Patricia Haller, Jürgen Pachner ) Erstellt am
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