Der tschechische Aussenminister Karel Schwarzenberg. Einer seiner Vorfahren begründete durch eine kluge Heirat den Reichtum der Familie.

© dapd

Als das blaue Blut wieder rot wurde
09/19/2012

Als das blaue Blut wieder rot wurde

400 Familien zählten in der österreichisch-ungarischen Monarchie zum Hochadel. Ihre Privilegien sind heute Geschichte.

So richtig adelig war in Österreich nur, wer über 16 tadellos aristokratische Ahnen verfügte. Bis zu 400 solcher Familien erfüllten die Richtlinien und galten somit als "hoffähig", wodurch ihnen der Zutritt zum Kaiserhaus gestattet war.

Zur ersten Kategorie zählten die Dynastien Liechtenstein, Lobkowitz, Auersperg, Schwarzenberg, Starhemberg – und zwar in dieser Reihung, die nach dem Zeitpunkt der Erhebung in den Fürstenstand erfolgt war. Je früher die Vorfahren dran waren, desto höher erwies sich die Stellung bei Hof. Die Ursprünge dieser Eliten reichen bis in die vorchristliche Zeit zurück.

Die Liechtensteins wurden erstmals im 11. Jahrhundert urkundlich erwähnt, womit sie es in der Rangordnung zur Nummer eins brachten. Ihren Namen danken sie der gleichnamigen Burg in Maria Enzersdorf bei Wien, die im Mittelalter auf einem "liechten Stain" errichtet wurde.

Auch wenn das Wort "Adel" vom Begriff "edel" stammt, haben sich viele von diesem Ideal entfernt. Nicht nur die Liechtensteins begannen als Raubritter, auch andere Geschlechter waren auf diese Weise reich geworden. So reich, dass die Aristokratie im Mittelalter allmächtig war. In ihren Händen lagen alle wirtschaftlichen und politischen Positionen, man besetzte alle hohen Gerichts-, Reichs- und Kirchenämter. Adelige gründeten Klöster, bauten Dörfer, wurden zu Trägern des mittelalterlichen Kultur- und Wirtschaftslebens.

Uradel

Auch die Schwarzenbergs standen in der ersten Reihe des Uradels. Dabei liegen die Wurzeln ihres sagenhaften Reichtums erst im 17. Jahrhundert, als der 31-jährige Reichsgraf Georg Ludwig Schwarzenberg die davor fünf Mal verheiratete 81-jährige Anna Neumann von Wasserleonburg ehelichte. Diese war durch den Tod aller ihrer Ehemänner in ihrer steirischen Heimat reich geworden. Als sie 1623 mit 88 Jahren starb, hinterließ sie den Schwarzenbergs ein riesiges Vermögen, von dem das Geschlecht heute noch zehrt.

Mit Kaiserin Maria Theresia setzte der langsame Verfall des Adels ein. Sie war es, die dem blauen Blut die wichtigsten Privilegien nahm, vor allem die Befreiung von Steuern und Abgaben. Und doch blieb der Adel eine geschlossene Gesellschaft, deren Standesethos dazu beitrug, sich von den anderen Ständen zu absentieren.

Auch wenn die Vorherrschaft des Adels stetig abnahm, änderte das wenig an der Distanz zum Bürgertum. Dabei war dieses Bürgertum drauf und dran, immer mehr Einfluss auf die Geschicke des Reichs zu nehmen. Industrie- und Finanzdynastien, Beamte und Militärs erwiesen sich als treue Stützen des Throns, auch wenn die neuen "Freiherrn" in der hierarchischen Ordnung nicht mit den alten Familien zu vergleichen waren. Allein unter Kaiser Franz Joseph wurden 5700 Bürgerliche geadelt, darunter Kaufleute und Bankiers wie Schoeller, Mautner Markhof, Drasche und Wertheim.

Am 3. April 1919 wurde mit Beschluss der jungen Republik das Führen aristokratischer Titel unter Strafe gestellt. Beim alten Adel erwies sich der Titelverlust als verkraftbar. "Uns", sagte die Fürstin Fanny Starhemberg nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, "macht die Aufhebung des Adels gar nichts. Wir sind immer die Starhembergs, ganz egal ob mit oder ohne Titel."

"Der Leiter einer Taxifunkzentrale"Er ist Medienreferent von Bischof Klaus Küng, Autor und Drehbuchautor – unter anderem von der dem gemeinen Volk bekannten TV-Staffel "SOKO Donau". Er ist Vater von sechs Kindern und lebt im Weinviertel.

Und ja: Eduard Karl Joseph Michael Marcus Antonius Koloman Volkhold Maria Habsburg-Lothringen, 45, ist – genau betrachtet – ein Ur-Ur-Ur-Enkel von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sisi.

Aber: Er hätte gut 300 Habsburger umbringen müssen, um Kaiser von Österreich zu werden.

Auch die Frage, wie man mit seinem Familiennamen lebt, beantwortet der Medienprofi pointiert: "Wenn man Habsburg heißt, wird man früh im Leben darauf angesprochen. Dann ist man nie der Eduard, sondern immer der Habsburg. Und die Reaktionen sind immer überschießend, egal, ob man etwas Gutes oder etwas Schlechtes getan hat."

Als Vater von sechs schulpflichtigen Kindern kennt Herr Habsburg auch gut die Mühen eines bürgerlichen Lebens: "Im Moment fühle ich mich wie der Leiter einer Taxifunkzentrale."

"Ich empfinde es als Gnade, nicht als Verdienst"Er ist dankbar für seine Herkunft, aber nicht stolz darauf: "Ich erachte mein Leben als das Leben eines Privilegierten. Ich empfinde es als Gnade und nicht als Verdienst, dass ich in diese Familie in diesem Land geboren wurde. Also leite ich davon auch eine große Verantwortung und eine Verpflichtung ab."

Georg Starhemberg, 51, ist Unternehmer in der Forst- und Landwirtschaft.

Die Ressentiments gegen den Adel in Österreich kann Starhemberg jedoch nicht nachvollziehen: "Es gibt eine ganze Reihe von namhaften Vertretern, die es Dank ihres Fleißes und nicht Dank ihres Namens zu etwas gebracht haben. Nur ausruhen auf ihrer Geschichte und auf ihrem Namen tun sich diese Leute ganz sicher nicht."

Selbst könne ihm die Häme an den Stammtischen des Landes wenig anhaben: "Wer in der glücklichen Lage ist, über ein Grundgerüst an Bildung und Glauben zu verfügen, hat auch ein normales Gottvertrauen. Ich bin sicher kein Frömmler, bin nur meinem Gewissen Rechenschaft schuldig." Starhemberg, der sich keinem politischen Lager in Österreich zugehörig fühlt, sieht sich auch als ein "Brückenbauer im Land".

"Jawohl, ich habe einen Adeligen geheiratet"Weil das eine Frage ist, die ihr manchmal gestellt wird, erklärt Gudula Walterskirchen, 45, geborene Schrittwieser, Historikerin, Journalistin und Buchautorin: "Jawohl, ich habe einen Adeligen geheiratet."

Auch auf die Frage, ob man Adeliger heute noch sagen darf, ist sie vorbereitet: "Man kann seine Herkunft nicht verleugnen, die historische Tradition gibt es ja weiterhin. Nur die Adelsprädikate wurden in Österreich verboten."

Für die Mutter eines Sohnes im Kindergartenalter hat sich nach ihrer Hochzeit im Alltag wenig geändert: "Ich komme aus einer Großfamilie, ich habe jetzt durch meinen Mann eine zweite Großfamilie dazu bekommen." Nur die Außensicht sei eine andere geworden: "Ich konnte am Anfang nur schwer damit umgehen, dass manche nur auf meinen Namen und nicht auf mich als Person reagiert haben." Die kollektive Schuldzuweisung und die Häme gegen den Adel empfindet sie als "mitunter unangenehm". Auf der anderen Seite habe ihr der Name Walterskirchen bei ihren Recherchen über den Adel manche Tür geöffnet.

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