Ärzte-Chef für Bonus-Zahlung an Gesunde
Sollen Menschen, die sich dafür entscheiden, gesünder zu leben und das auch nachweislich tun, finanziell belohnt werden? Diese Frage spaltet jetzt auch die Regierung.
Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) hatte ein derartiges Modell der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) am Sonntag scharf kritisiert: Es sei eine Bestrafung Kranker. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) widerspricht ihm: "Das SVA-Modell ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die SVA-Zahlen zeigen, dass die Vorsorgeuntersuchungen um mehr als 40 Prozent gestiegen sind und das Bonus-Modell funktioniert. Maßnahmen, die den Lebensstil positiv beeinflussen können, sollten daher weiter unterstützt und ausgebaut werden", erklärt Mitterlehner dem KURIER.
Belohnung
Das umstrittene Programm der SVA läuft seit Anfang des Jahres. Selbstständige können im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung mit ihrem Arzt Gesundheitsziele vereinbaren – etwa, dass sie abnehmen oder das Rauchen aufgeben. Werden diese Ziele nach einem halben Jahr erreicht, zahlen die Versicherten in den folgenden zwei bis drei Jahren beim Arztbesuch nur noch 10 statt 20 Prozent Selbstbehalt.
Die SVA zog Ende vergangener Woche eine positive erste Bilanz: Die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen sei im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres von 24.865 auf 35.518 gestiegen.
Taktik
Gesundheitsexperte Ernest Pichlbauer ist vom SVA-Modell "begeistert". Warum? "Weil endlich einmal eine Kasse damit begonnen hat zu gestalten statt nur zu verwalten. Die SVA hatte die niedrigsten Werte bei den Vorsorgeuntersuchungen. Jetzt sind sie stark gestiegen. Das ist ein großer Erfolg – schade, dass der jetzt madig gemacht wird." Die Kritik von Gesundheitsminister Stöger teilt Pichlbauer nicht: "Das Bonus-System ist keine Krankensteuer. Es reduzieren sich die Selbstbehalte für jene, die ihre Gesundheitsziele erreichen; jene, die sie nicht erreichen, zahlen weiter wie bisher." Stögers Kritik sei "blöd". Sie sei parteipolitische Taktik: "Die ,schwarze" SVA hat einen Erfolg, und man ist ihr diesen neidig."
Die SVA ist die einzige Krankenkasse, die ein derartiges Bonus-Malus-System hat. Die Gebietskrankenkassen haben keinen Selbstbehalt. Sie denken auch nicht daran, einen einzuführen, der ein Bonus-Malus-System möglich machen würde. Der Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse, Ingrid Reischl, gefällt das SVA-Modell gar nicht: "Es könnte die medizinische Versorgung gerade für sozial schwache Gruppen verteuern."
Nur bei der Beamtenversicherung (BVA) gibt es – wie bei der SVA – einen Selbstbehalt für Patienten. In der Chefetage der BVA sagt man nicht prinzipiell Nein zu einem Bonus-Malus-System. "Wir beobachten das Programm der SVA genau und schauen, was dabei herauskommt", erklärt BVA-Generaldirektor Gerhard Vogel dem KURIER. Derzeit setze man auf andere Akzente bei der Vorsorge: etwa Bewusstseinsbildung in Betrieben.
Kranken-System
Für Prävention gebe es in Österreich zu wenig Anreize, kritisiert Experte Pichlbauer. „Unser Gesundheitssystem ist ein Krankensystem. Alle Akteure werden für Krankheit gezahlt. Prävention und Rehabilitation kommen zu kurz.“
Ärztekammer-Chef: Finanzieller Anreiz wirkt
Der Präsident der Ärztekammer, Artur Wechselberger, über das umstrittene Programm der SVA.
KURIER: Was halten Sie vom Bonus-Malus-System der SVA?
Artur Wechselberger: Das ist ein gangbarer Versuch. Jede Maßnahme, die Menschen dazu motiviert, eine Vorsorgeuntersuchung zu machen, ist sinnvoll.
Aber soll es Geld als Belohnung für gesundes Leben geben?
Die Realität ist, dass man damit die Inanspruchnahme fördern kann. Wir haben das schon bei Schwangeren- und Kleinkind-Untersuchungen beobachtet: Als diese an finanzielle Zuwendungen geknüpft wurden, nahmen sie zu. Als die Zuwendungen reduziert wurden, wurden wieder weniger Untersuchungen in Anspruch genommen.
Gesundheitsminister Alois Stöger kritisiert das Bonus-Malus-System als Bestrafung von Kranken.
Das ist mir unverständlich. Durch das SVA-Programm ändert sich ja nichts für den, der nicht mitmachen will. Es gibt nur eine Verbesserung für die Teilnehmenden. Gerade der Bereich Prävention ist eine riesige Herausforderung. Derzeit kann in Österreich jeder ab 18 einmal im Jahr kostenlos eine Vorsorgeuntersuchung machen. In vielen Regionen tun das nicht einmal zehn Prozent der Anspruchsberechtigten.
Das Bonus-Malus-System ist nur bei Krankenkassen mit Selbstbehalt möglich. Was könnten andere Kassen tun?
Man könnte etwa die Rezeptgebühr für jene reduzieren, die ihre Gesundheitsziele erreichen; oder deren Krankenversicherungsbeitrag senken.
Im SVA-Modell sollen die Ärzte überprüfen, ob Patienten nach einem gewissen Zeitraum weniger rauchen oder gesünder essen. Kann man das seriös messen?
Möglich ist das schon, aber darum geht es nicht. Ziel ist es, dass Patienten mit ihrem Arzt realistische Ziele vereinbaren – etwa, dass sie in sechs Monaten fünf Kilogramm abnehmen. Die Betroffenen können das dann selbst überprüfen. Es geht darum, dass der Arzt mit dem Patienten ins Gespräch kommt, um ein besseres Gesundheitsbewusstsein zu schaffen.
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