Meinung 28.01.2015

Wer ist wirklich Charlie?

© Bild: APA/EPA/KOEN VAN WEEL

Die meisten sind gar nicht Charlie, sondern wollen bloß Charlie sein

Kathrin Bachleitner | über die Hoffnung auf eine "europäische Ideologie"

Seit jeher streiten sich Wissenschaftler, Philosophen und Politiker über die Macht, die Ideen über uns Menschen haben. Nicht bloß materielles, selbst-bezogenes Interesse motiviert unser gesellschaftliches und politisches Handeln, sondern vor allem das Vorhandensein von abstrakten Ideen, oder anders ausgedrückt, Normen, Weltanschauungen, Überzeugungen, Glaubenshaltungen, und Einstellungen. Wirft man einen Blick auf internationale Ereignisse, seien es Kriege, Genozide, Terroranschläge, Gipfeltreffen oder Friedensverhandlungen, wird schnell klar: das was Menschen glauben, ist mindestens genauso wichtig wie das, was sie wollen. Kurzum, Ideen wirken in die Realität durch Taten, nur: wie diese tatsächlich wirken, wissen wir nicht.

Wirkung von Ideen

Die tragischen Anschläge auf Charlie Hebdo sind einmal mehr Ausdruck des gewaltigen Wirkens von Ideen und deren horrendes Aufeinanderprallen. Die Idee, das zu zeichnen, was man glaubt, stößt sich an der Idee, das nicht zu zeichnen, was man glaubt. Das „Wie“ und „Warum“ dieses Kampfes macht die Unterschiede in den Einstellungen der Menschen einmal mehr offensichtlich und entzweit nun die Gesellschaften in die, die Charlie sind, und in die, die eben nicht Charlie sind; in alle, die für Meinungs- und Pressefreiheit und liberale Werte einstehen, und in die anderen, deren Wertvorstellungen sich an Glaubensgrundsätzen und Dogmen orientieren. Der Angriff auf Charlie entzweit in weiterer Folge auch jene, die friedliche Mittel zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen anwenden, von jenen, die noch immer an die „Macht aus den Gewehrläufen“ glauben. Entzweit wurden aber auch jene, die sich passiv schützen wollen, von denen, die aktiv aufstehen für ihre Rechte; jene, die provozieren und angreifen, von denen, die lieber stumm bleiben. Man sieht, die entscheidende Differenz liegt nicht im unterschiedlichen Wollen, sondern im unterschiedlichen Glauben: Nur das was man glaubt, berechtigt einen zu sagen: Ich bin Charlie.

Glaubenssätze

Schaut man sich die Idee „Charlie“ genauer an, erkennt man schnell auch hier eine Vielzahl an Glaubenssätzen. Vor allem, wenn es um Politik geht, vermischt sich das, was wir glauben, schnell mit dem, was wir wollen. So ließ ein einziger Blick auf das Aufgebot der am Solidaritätsmarsch in Paris teilnehmenden Politiker klar werden: die meisten sind gar nicht Charlie, sondern wollen bloß Charlie sein. Als deutlichstes Beispiel hat sich ein rarer Anblick hervorgetan: die beiden Erzfeinde, Israels Ministerpräsident Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas, marschieren bei ein und derselben Demonstration gemeinsam in erster Reihe. Das bisherige Verhalten beider Politiker hätte wenig von der Essenz dessen vermuten lassen, was „Je suis Charlie“ meint. Was die Regierungschefs daher tatsächlich von Charlie glauben, bleibt subjektive Interpretationssache; was sie hingegen in Paris wollen, wird schon eher ersichtlich: Anerkennung auf der Weltbühne und im eigenen Wahlkampf, einzig dafür, angeblich doch Charlie zu sein.

Ideologische Brille

Während die Essenz von „Je suis Charlie“ für die Machtinteressen der Politik instrumentalisiert wird, werden dessen unterschiedliche Ausdeutungen in aller Welt gedruckt. Vergleicht man die Berichte, wird einmal mehr klar, dass das was Charlie ausmacht, abhängig ist von der ideologischen Brille, die die Betrachter in jenem Raum und jener Zeit tragen, in der sie sich gerade befinden. Ein verdeutlichendes Beispiel ist die Zensur des Bildes der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in der Berichterstattung eines ultra-orthodoxen, israelischen Blattes mit der Begründung, der Anblick einer Frau in der Öffentlichkeit entspreche nicht den Wertvorstellungen der extrem konservativen Leserschaft. Wie gesagt, nicht allein das, was wir wollen, motiviert unser Handeln, sondern vor allem das, was wir glauben. Auch dieses Blatt ist Charlie – Meinungsfreiheit gilt schließlich für alle Meinungen.

Berechtigung

Gerade angesichts solcher Beispiele, bleibt die Frage, wer denn nun tatsächlich das glaubt, was berechtigt Charlie zu sein? Folgt man der oben genannten Zensur-Methode, müsste man nun all diejenige „wegradieren“, die nicht an freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit, oder breiter gefasst ausgedrückt, die nicht an eine liberale, demokratische, rechtsstaatliche Ordnung glauben. Wie viele marschieren dann wirklich noch in Solidarität mit Charlie? Eine derartige Zensur-Aufgabe erwiese sich als deutlich schwieriger als jene nach Geschlechtern, aus dem einfachen Grund, dass Ideen, anders als das Geschlecht, erdacht und daher schwer festzustellen sind. Was man jedoch klar sehen kann, sind die Taten, die von diesen Ideen bedingt werden. Der entscheidende Unterschied, wer Charlie ist und wer nicht, wird sich daher nicht in der Solidaritätsbekundung mit den Opfern und der Verurteilung der Anschläge zeigen, sondern in den tatsächlichen Schritten, die darauf folgen.

Wird Europa auf die Bedrohung ähnlich wie vorher die USA und Israel mit militärischer Macht und verstärkter Sicherheit reagieren oder wird es eine spezifisch „europäische“ Antwort geben? Wird die „Friedensmacht Europa“ weiterhin mit Bleistiften kämpfen anstatt mit Raketen? Wird das europäische Waffenarsenal der Worte, Rechte und Gesetze ausreichen, das zu verteidigen, woran Europa anscheinend glaubt?

Die Hoffnung lebt

Die breite Solidaritätsbekundung mit Charlie hat Hoffnung gemacht, dass die europäische Öffentlichkeit zu ihren Grundprinzipien Freiheit, Gerechtigkeit und Pluralität steht; die Antwort auf die Anschläge wird jedoch die Einsicht beinhalten müssen, dass diese Ideale niemals absolut gelten und daher immer normativ sind und angreifbar bleiben. Die Akzeptanz einer solchen Einsicht könnte fast so etwas wie der Anfang einer „europäischen Ideologie“ sein, durch die Europa schließlich eines Tages geschlossen sagen könnte: „Wir sind wirklich Charlie“.

Erstellt am 28.01.2015