Meinung
15.02.2018

Truthahn-Illusion

Sobald Konsumtrottel Vertrauen in eine Marke gefasst haben, kann sie der Hersteller ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Mag. Simone Hoepke | über die Truthahn-Illusion

Ich wäre gern ein Mops. Einer von der Sorte, die auf dem Brustgeschirr "Diva" stehen haben und vor der Supermarkttür warten. Auf ihren persönlichen Diener, der dort Lebensmittel einkauft und trotzdem eine Hand frei behält, um auch den Mops heimzutragen.

Beneidenswert, so ein Hund. Speziell, wenn der Marktleiter wieder einmal lustig ist und des nächtens hinterlistig die Regale umgeräumt hat.

Passiert regelmäßig. Immer, wenn ich es eilig habe, ist das Brot nicht mehr, wo es immer war, sondern drei Regalreihen weiter versteckt. So wie der Kaffee nun dort steht, wo früher die Schoko war und die Tiefkühlpizza an einem Ort, an dem ich überhaupt noch nie war. Kurz: Alle Grundnahrungsmittel umgeräumt. Zwischen Brot und Pizza liegen gefühlt drei Zeitzonen. Es piepst an meinem Handgelenk. Der Schrittzähler meldet: "Tagesziel erreicht." Ich werde mich beim Marktmanager bedanken.

Und ihm einen Unternehmensberater empfehlen. Also einen jener Anzugmänner, die für jede Lösung das passende Problem finden. Vorausgesetzt, das Honorar stimmt. So einer hat mir neulich von der Truthahn-Illusion erzählt.

Es ist so: Der Truthahn misstraut dem Bauer. Zumindest am Anfang. Doch mit jedem Tag, an dem der Typ Futter bringt, findet ihn der Truthahn etwas sympathischer. Eine wachsende, wenn auch berechnende Liebe. Funktioniert wunderbar. Bis Thanksgiving. Da läuft der Truthahn dem Bauer freudig entgegen – und ins offene Messer. Blöd gelaufen.

Der Berater hat gefunden, Konsumtrottel verhalten sich wie Truthähne. Sobald sie Vertrauen in eine Marke gefasst haben, kann sie der Hersteller ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Preise werden nicht mehr hinterfragt, Qualitäten schon gar nicht. Es wird gekauft. So ein blindes Vertrauen sollte man nicht aufs Spiel setzen. Durch umgestellte Regale oder neue Geschmacksrichtungen, hat er gesagt.

Findet sicher auch der Mops, der vor der Supermarkttür anfriert. Weil sein Diener noch immer durch Gänge irrt – auf der Suche nach dem Hundefutter.