Woher kommt dieser tiefe, böse Hass?

Menschen schimpfen in "sozialen" Medien und rufen gar zu Mord auf. Gab es diesen Hass auch früher?

Was ist ein gelungenes Leben? Habe ich überwiegend richtig gehandelt, welche Fehler hätte ich vermeiden sollen? Diese Fragen kann jeder von uns erst am Ende seiner Tage beantworten. Der Erfolgsautor Andreas Salcher hat in seinem Buch "Meine letzte Stunde" drei Kriterien genannt: Jeder sollte genügend Liebe gegeben und bekommen haben, authentisch, also nach seinen Überzeugungen gelebt und die Welt um ein kleines Stück verbessert haben. Offensichtlich ziehen viele Menschen schon früher Bilanz und sind mit sich, den beruflichen Erfolgen und privaten Beziehungen, vielleicht mit ihrem bisherigen Leben unzufrieden. Ist das der Grund für die unendlichen Hassausbrüche, mit denen wir täglich im Internet konfrontiert sind?

"Olle Menschen san ma zwider, i mechts in die Goschn haun" – gerade Friedrich Schillers Ode an die Freude so ins Gegenteil zu verdrehen, wie das der wunderbare Kurt Sowinetz getan hat, das geht nur auf Wienerisch. Wenn auf Facebook mit Namen und Foto die schlimmsten Verwünschungen gegen Menschen ausgesprochen werden, die eine andere Hautfarbe oder eine andere Religion haben, dann fragt man sich schon, wie verzweifelt ein Leben verlaufen sein muss. Der Psychologe William James meinte, wer in der Gesellschaft ignoriert wird, würde mit "Wut und Verzweiflung" reagieren. Facebook-Präsenz bringt also offenbar noch keine Anerkennung.

Ein Mindestmaß an verbaler Anständigkeit

Das ist ja schon schlimm genug. Diese Hasser dann auch noch zu missbrauchen, das schaffen nur politische Bewegungen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sah sich vor Kurzem an "die Spätphase der Weimarer Republik" erinnert. Damals folgten den radikalen Worte Attentate.

Jetzt fordern Einpeitscher der rechtsextremen Pegida, "volksverratende Eliten aus den Kirchen, Parlamenten und Pressehäusern zu prügeln" und vergessen, dass Vertreter der rechten AfD ebenfalls in den Parlamenten sitzen und Verlage Geld mit der Verbreitung von saudummen Verschwörungstheorien machen.

Bei uns kommen diese Töne aus dem Parlament. FPÖ-Chef Strache folgt seinem Vorbild Jörg Haider und spielt den Tabu-Brecher. Im Buch von Haiders Lebensmenschen Stefan Petzner kann man nachlesen, dass Haider bewusst auch mit Nazi-Vergleichen provozierte, um Grenzen auszuloten.

Strache spricht jetzt von "Staatsfeinden" in der Regierung und wünscht sich einen "Volksaufstand". Schön wäre es, wenn die Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten sich auf ein Mindestmaß an verbaler Anständigkeit einigen und dies in ihre jeweiligen Parteien tragen könnten. Ein Brand ist so schnell gelegt und ist so schwierig zu löschen, erst recht in der Politik.

Das ist kein Aufruf zu Kritiklosigkeit. Gerade die Opposition und die Medien haben die Regierung zu kontrollieren und zu kritisieren. Tag für Tag. Aber mit Worten, für die man sich etwa vor den eigenen Kindern nicht genieren muss. Das wäre zum Beispiel ein Maßstab.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?