über obskure Verschwörungstheorien und den Vorwurf der "Lügenpresse"
12/20/2015

Wenn Gerüchte mehr gelten als Berichte ...

Lügenpresse!? In Krisenzeiten stehen auch Medien am Pranger. Eine offene Auseinandersetzung ist überfällig.

von Josef Votzi

Es ist paradox.Trotz steigendem Informationskonsum blühen die Gerüchte.

Josef Votzi | über obskure Verschwörungstheorien und den Vorwurf der "Lügenpresse"

Es ist paradox. Je dramatischer die Nachrichten, je unübersichtlicher die Weltlage, desto größer der Wunsch nach Information. Die Zugriffe im Internet, die Auflage der Zeitungen und Einschaltquoten in Funk und Fernsehen schnellen nach oben. Das wäre weder überraschend noch weiter erwähnenswert, käme nicht ein neues, total gegenläufiges Phänomen hinzu. Mit steigendem Informations-Konsum blühen und gedeihen die wildesten Gerüchte: Flüchtlinge, die Supermärkte stürmen und ohne zu zahlen mit vollen Einkaufswagen verlassen. Asylwerber, die zum Einstand ein Gratis-Handy erhalten. Alles Gräuelpropaganda ohne Tatsachen-Substrat, aber trotz offensiver Klarstellung immer wiederkehrend wie das Perpetuum mobile.

Obskure Verschwörungstheorien gab es auch bei 9/11. Im Internet tummeln sich bis heute hartnäckige Trolle, die weismachen, die CIA und nicht Al Kaida hätten den Tod rund 3000 Menschen beim Anschlag auf die Twin Towers in New York auf dem Gewissen.

In der Massivität neu ist, dass Medien immer aggressiver mit dem Vorwurf konfrontiert sind, sie würden die Wahrheit bewusst unterdrücken. Das historisch vielfach belastete Wort von der " Lügenpresse" geht wieder um.

Auszüge aus der Leserpost – ein Lehrstück

Wer sich damit offen auseinandersetzen will, wie jüngst an dieser Stelle in einem Leitartikel, löst damit die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Da sind die, die sich dadurch in ihrem Vorurteil bestätigt fühlen: "Sie sind das größte Hetzblatt gegen die Österreicher seit der Nazizeit. Steuergelder abzocken und die Pressefreiheit missbrauchen. Hoffentlich ändert sich das bald."

In der vagen Hoffnung, eine Debatte mit konkreten Argumente eröffnen zu können, schreibt man zurück. Das Echo ist oft keines – oder ein Beharrungs-Mail. Das macht eine weitere Auseinandersetzung schwierig.

Vielsprechender sind Mails wie diese: "Lügenpresse ist auch meiner Ansicht nicht richtig. Ich würde es eher Verschwiegenheitspresse nennen. Vieles, was sich wirklich abspielt (ich habe durch verschiedene, auch persönliche Umstände echten Einblick, was so passiert) wird in den Medien verschwiegen, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, das wissen Sie sicher auch."

Re-mail noch am gleichen Tag: "Auch das Vokabel Verschwiegenheitspresse trifft für den Bereich, den ich überblicke , nicht zu (...) Wenn es Dinge gibt, von denen Sie glauben, dass sie in die Zeitung gehören, bitte ich um Hinweise. Meine Kollegen und ich gehen diesen gerne nach."

Eine Antwort mit entsprechenden Hinweisen blieb bis heute aus.

Vielleicht hat es damit, zu tun, was ein Leser tags darauf schreibt: "Das Kampfwort Lügenpresse verdeckt ein gravierendes Problem. Wir als österreichische Gesellschaft sind es alle zusammen gewohnt, nur auf Basis unserer schlimmsten ans Bösartige grenzenden Ressentiments zu diskutieren. Wir kennen weder eine Diskussionskultur, die sich nur an Zahlen und Fakten orientiert noch einem zwischenmenschlichen Grundrespekt gegenüber Menschen, die auf Basis von Fakten zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Und viele Medien tragen leider nicht dazu bei, die Diskussionskultur zu verbessern."

Der KURIER betrachtet Leser-Mails wie diese als Unterstützung seines Auftrags: Aufklären statt aufhetzen, berichten statt richten.