Meinung | Kommentare | Innenpolitik
20.01.2018

Wenn das Gefühl das Wissen verdrängt ...

... dann geht die Vernunft verloren. Wir sollten noch mehr darauf achten, wer das will und davon profitiert.

Es geht um Emotionen der Bevölkerung, die Politiker gerne ausbeuten.

Dr. Helmut Brandstätter | über das Sicherheitsgefühl

Es war eine der großen Aufregungen im Wahlkampf im vergangenen Sommer. Verteidigungsminister Doskozil spürte einen wachsenden Flüchtlingsansturm aus dem Süden – Betonung auf spüren – und sprach von Maßnahmen zur Grenzsicherung an der italienschen Grenze. Manche Zeitungen machten daraus "Panzer am Brenner" und der damalige Bundeskanzler Kern hatte damit zu tun, den Ärger der italienischen Regierung ob der martialischen Klänge aus dem Norden zu kalmieren. Aber immerhin wissen wir seither, dass das Bundesheer jederzeit 750 Soldaten zur Grenzsicherung bereit hat, die auch sehr schnell zu mobilisieren sind. Der Wahlkampf ist vorbei, aber nicht für alle. Jetzt kommt Innenminister Kickl und stellt eine eigene Grenzpolizei auf. Weiß das Bundesheer davon? Wird so "im System gespart" , indem mehrere Einheiten dasselbe tun? Aber darum geht es ja gar nicht, es geht um Emotionen der Bevölkerung, die Politiker gerne ausbeuten, in diesem Fall um das Gefühl, dass die Menschen sich unsicher fühlen.

Und wenn das gar nicht stimmt? Eine aktuelle Umfrage von OGM für den KURIER aus Niederösterreich zeigt, dass das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich besser geworden ist. Konkrete Maßnahmen der Polizei haben dazu geführt, wie der niederösterreichische Polizeidirektor Kogler erklärt. Vor allem: Die Polizei hat auch mehr mit den Menschen über ihre Arbeit geredet. Transparenz funktioniert, Fakten helfen.

Aber die Umfrage zeigt besonders stark, wie unterschiedlich die Lage eingeschätzt werden kann, gerade auch in den politischen Lagern. Freiheitliche Wähler fühlen sich deutlich unsicherer als andere. Wollen die FPÖ-Politiker das wirklich? Wenn nicht, sollten sie künftig mehr mit Fakten als mit alternativen Fakten agieren.

Die Emotionen des Donald Trump

Womit wir bei Donald Trump wären. Der britische Economist, kein Magazin der Linken, zeigt den US-Präsidenten zum einjährigen Amtsjubiläum als Einjährigen im Kinderwagerl. Seine psychische Stabilität wurde ja schon oft mit dem eines Kleinkindes verglichen. Aber er tut ja nur das, was ihm bisher Erfolg gebracht hat – mit den Emotionen der Menschen spielen. Am effektivsten geht das leider, indem man eine Gruppe von Menschen gegen eine andere ausspielt. Im Wahlkampf versprach er eine Mauer zu Mexiko zu bauen, die die Mexikaner bezahlen würden. Das war einfach verrückt, aber weckte Gefühle. Gegen die Chinesen mobilisierte er, indem er hohe Zölle auf Importe versprach. Auch das setzte er nicht um. Zur Emotionalisierung hat es gereicht.

Die Aufklärung hat uns gelehrt, auf Fakten zu vertrauen, die "postfaktische" Welt wirft uns zurück und macht Emotionsbündel aus uns. In der Demokratie müssen politische Vorgänge kompliziert sein und zu den Gefühlen der Menschen passen. "Demokratie ist die perfekte Balance von Wissen und Gefühl" sagt Sophie Lecheler von der Uni Wien. Passen wir auf diese Balance gut auf.