Warum Kern und Kurz mit Macron mitfiebern

Was hat der Anführer der "zweiten französischen Revolution", was andere Politiker (noch) nicht haben?

Die Jahresausblicke 2017 vieler Medien dominierte ein Schreckensbild: Marine Le Pen zieht noch vorm Sommer in den Élysée ein; mit dem Frexit droht dann nach dem Brexit der endgültige Zerfall der EU. Doch der Front National ist als Spielmacher vorläufig Geschichte. Nach Einnahme des Präsidentenpalastes mit zwei Dritteln der Stimmen stürmt Emmanuel Macrons Parteibewegung heute das Parlament, um seine Macht als Präsident mit einer Mehrheit jenseits der 66 Prozent abzusichern. Der Economist lässt Macron so jüngst am Cover als "Europas Erlöser" bereits über Wasser gehen.

Der Sieglauf des 39-Jährigen hält nicht nur das politische Europa in Atem. Auch in Österreich brüten die Wahlkampfstrategen längst darüber: Was hat Macron, was die anderen nicht haben? Frankreich und der Rest der EU-Welt sind nicht 1:1 vergleichbar, einige Grundmuster gelten aber weit darüber hinaus.

Der vernichtende Absturz der Linken und die Marginalisierung der Rechten durch den Newcomer Macron hat die gleiche Ursache: Die radikale Abrechnung der Wähler mit traditioneller Politik und die erfolgreich geweckte Hoffnung nach einem Neuanfang.

Macron kommt als Ex-Minister im Kabinett des Sozialisten Hollande zwar aus dem Establishment, hat aber mit seiner alten Heimat gebrochen und seine vor einem Jahr gestartete Bewegung "En Marche!" für Newcomer ohne politischen Stallgeruch und Erfahrung geöffnet. In den Augen seiner Anhänger bürgt er so gleichzeitig für Professionalität und frischen Wind. Wie versprochen, hat er seine Kandidatenliste zu je einem Drittel mit Neueinsteigern und Unternehmern, zur Hälfte mit Frauen besetzt.

Inhaltlich bietet "En Marche!" einen Mix aus beiden politischen Welten, die bisher in Frankreich abwechselnd oder gemeinsam den Ton angaben: Macron verspricht soziale Absicherung und mehr staatliche Investitionen in Schulen und Infrastruktur. Gleichzeitig will er die im staatsgläubigen Frankreich besonders rigiden Kündigungs- und Krankenstandsregeln für Arbeitnehmer radikal lockern. Europapolitisch steht er als erfolgreich personifizierte Antithese zu Le Pen für offene EU-Binnengrenzen und weltweiten Freihandel.

Hat nun Christian Kern oder Sebastian Kurz mehr Macron und damit das Sieger-Gen im Blut? Für einen halbwegs seriösen Vergleich liegt dafür noch zuwenig an Inhalten als auch über den Neu-Alt-Mix auf den Kandidatenlisten am Tisch. Der als Anführer der "zweiten französischen Revolution" (Economist) Gefeierte wird so – unausgesprochen oder offen – mehr denn je einen wichtigen Part als Role Model im heimischen Wahlkampf spielen. Wenn Macron sein Versprechen wahr macht, will er in einer Blitzaktion bis Ende September seine radikale Arbeitsmarktreform durchziehen – und gegen deren heftigen Widerstand auch die Gewerkschaften entmachten. Hierzulande wird der Wahlkampf da gerade in jene Phase kommen, wo Kern und Kurz einander im finalen Polit-Duell heftiger denn je soziale Kälte versus politische Blauäugigkeit an den Kopf werfen werden.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?