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02.04.2017

Unsere Türken, fremd in der neuen Heimat

Jetzt rächt sich das feige Wegschauen. Im Streit um Erdoğan bricht das Verdrängte mit umso größerer Wucht auf.

Jetzt rächt sich das feige Wegschauen. Im Streit um Erdoğan bricht das Verdrängte mit umso größerer Wucht auf.

Josef Votzi | über "Unsere Türken"

Der Inlandsgeheimdienst des Bundesheeres, das Abwehramt, schlug erstmals in den 1980er -Jahren Alarm. Bei Routineprüfungen von Austro-Türken, die fix beim Heer anheuern wollten, flog auf: Viele haben klammheimlich einen türkischen Zweit-Pass in der Schublade. Das ist gesetzlich verboten und wird – auf dem Papier – streng sanktioniert: Österreichischer Pass weg, Staatsbürgerschaft und damit auch alle damit verbundenen Pflichten und Rechte weg. Das Heer konnte die Übernahme als Berufssoldat verweigern, der Rest war in diesen Fällen Sache des Wiener Magistrats. Dort zuckte man freilich nur mit den Schultern, erzählte jüngst ein Abwehr-Offizier dem KURIER: "Da können wir nichts machen, sonst verliert der Betroffene seine Erbansprüche in der Türkei."

Man kann darüber diskutieren, ob heute nicht auch in Österreich die Zeit längst reif für Doppelstaatsbürgerschaften ist. Im Fall der Austro-Türken gibt es (noch) viele gute Gründe, hier weiter auf der Bremse zu stehen. So weit ließ es die Herr-Karl-Mentalität hierzulande erst gar nicht kommen: Aber wo kämen wir denn hin, darüber offen zu streiten. Riecht schon von Weitem nach Zores.

Zunehmend misstrauisches Nebeneinander

"Schwamm drüber" steht seit Jahrzehnten für den Umgang mit der größten Gruppe von Zuwanderern, die sich auch in zweiter und dritter Generationen noch als Fremde in der neuen Heimat fühlen. Das Ergebnis ist ein meist friedliches, aber dieser Tage besonders misstrauisches Miteinander: Das autoritäre Regime in der Türkei hinterlässt auch hierzulande immer tiefere Spuren. Recep Tayyip Erdoğan spaltet nicht nur sein Land nachhaltig in zwei Lager. Seit Wochen kommen auch die Austro-Türken dank umstrittener Wahlkampfauftritte von Erdoğan-Vasallen, dem Auffliegen von Erdoğan-Spitzeln und Doppelstaatsbürgern nicht aus den Negativ-Schlagzeilen.

Das alles in einem Gesamtklima von Hetze und Angst vor Wohlstandsverlust und unsichereren Zukunftsaussichten. Jetzt rächt sich das jahrzehntelange ignorante Nebeneinander. Jetzt brechen die vielen verdrängten Fragen mit umso größerer Wucht auf: Braucht es nach dem Burka-Verbot auch ein Kopftuch-Verbot? Was passiert wirklich hinter den Kulissen der türkisch-islamischen Parallelgesellschaft? Was wird in den Koranschulen gelehrt, in die Zehntausende Mitbürger ihre Kinder am Nachmittag und im Sommer schicken? In wie vielen Moscheen wird mehr gehetzt als fromm gebetet?

Beim Türken kaufen: Ja. Privat Kontakt: Nein

Die Wahrheit ist freilich nicht nur differenzierter und komplexer. Das Leben der Türken ist auch fröhlicher und bunter. Der KURIER startet daher bewusst zwei Wochen vor der Abstimmung über das Verfassungsreferendum in Erdoğans Reich eine Serie über "Unsere Türken".

Ein Team von KURIER-Reportern erzählt in den ersten Serien-Folgen aus der Lebenswelt eines Erdoğan-Kritikers und eines Erdoğan-Fans und sucht in den kommenden Wochen weit darüber hinaus den Alltag der türkischen Community aus vielen Perspektiven auszuleuchten. So wird beispielsweise eine junge türkische Frau eine unglaubliche Story erzählen, die nicht im tiefsten Anatolien, sondern mitten in der Bundeshauptstadt spielt: Sie kann sich nur, während die Kinder in der Schule sind, heimlich aus dem Haus schleichen, um einen simplen Deutschkurs zu besuchen. Der Mann darf nichts davon wissen, Unterlagen mit nach Hause zu nehmen bleibt ein No-Go.

Das ist nur eine von vielen geplanten Reportagen, die allesamt eines sichtbar machen: Es wird sehr viel über "Unsere Türken", aber zu wenig mit "Unseren Türken" geredet. Das belegt plastisch auch ein total konträres Ergebnis der jüngsten OGM-KURIER-Meinungsumfrage. Zwei Drittel aller Österreicher haben schon einmal "beim Türken" gegessen oder eingekauft. Privaten Kontakt hatte aber nur knapp jeder Fünfte. Medien können hier nicht mehr tun, als zwischen den Welten vermitteln. Bis zum Ende dieser Serie in ein paar Wochen kann und soll uns daher nur eines gelingen: Dass wir "Unsere Türken" etwas besser kennengelernt haben.