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29.09.2017

Politikverdrossen? Das ist von vorgestern

Der KURIER-Tag und die TV-Duelle beweisen: Die Wähler sind mehr denn je an Politik interessiert.

Der KURIER-Tag und die TV-Duelle beweisen: Politikverdrossenheit - das ist von vorgestern.

Josef Votzi | über das Interesse am Wahlkampf

Als der Kanzler gegen elf Uhr ins KURIER-Zelt kommt, heißt es zu allen neu hereinströmenden Besuchern: Tut uns leid, nur noch Stehplätze. Der bereits traditionelle KURIER-Tag der offenen Tür stand 17 Tage davor ganz im Zeichen der Wahl. Gut ein Dutzend Politiker stellten sich im Laufe des Tages den Fragen der KURIER-Leser. So viele wie noch nie nutzten die Chancen, die Spitzen der Republik live zu erleben.

Österreich, ein Land der Politikverdrossenen? Wenn das je wahr war, dann vorgestern. Bis zu einer Million verfolgten am Sonntag die erste "Elefantenrunde" auf Puls 4 – obwohl das Setting als Quotenkiller gilt. Noch im Vorfeld klagte ein Spitzenkandidat, bei sechs Diskutanten komme jeder nur ein paar Minuten zu Wort. Dank einer intelligenten Dramaturgie – Vorhalte durften spontan erwidert werden – tänzelten die Elefanten munter und abwechslungsreich durch die zwei Stunden, statt brav hintereinander ihre Meinung hinauszutrompeten.

Das hohe Interesse an Politik beschert bisher auch dem ORF beste Quoten: 700.000 Zuseher beim ungleichen Duell Griss – Strache, fast 600.000 beim weitaus weniger Spannung versprechenden Gespräch Lunacek – Kern.

Das zu Beginn des Intensiv-Wahlkampfs einsetzende Seufzen in Medien und Politik, mehr als 40 geplante TV-Duelle seien ein Overkill, war schon damals falsch. Niemand ist gezwungen, sich alle TV-Diskussionen anzusehen. Es ist ein Angebot, und davon machen die Wähler reichlich Gebrauch. Denn die Österreicher sind angesichts mancher Funktionäre aus der zweiten und dritten Reihe zu Recht politikerverdrossen. Politikverdrossen sind sie deshalb noch lange nicht: Ihre Lust, mitzureden und mitzubestimmen, lassen sie sich von ein paar Dauerlangweilern nicht verderben – und das ist gut so.