über die Amok-Nacht
07/23/2016

Jetzt ist Zeit der Trauer, nicht für neue Hetze

Als in München noch die Todesangst umging, kursierten bereits falsche Schuldzuweisungen: "Danke, Angela".

von Josef Votzi

Danke, Angela? Jetzt ist Zeit der Trauer, nicht für Hetze.

Josef Votzi | über die Amok-Nacht

Kurz vor sechs Uhr schoss er in einer Fast-Food-Filiale wild um sich. Neun Menschen hatte er sofort auf dem Gewissen. Zweieinhalb Stunden später setzte er seinem Leben ein Ende. Die Stadt München war noch bis in den Morgen im Ausnahmezustand. Panik und Paranoia gingen um. Noch in der Nacht gab es aus der ganzen Welt Solidaritätsadressen und Hilfsangebote. Österreichs Cobra rückte mit 42 Mann an.

Wenige Tage nach dem Lkw-Massaker auf dem Prachtboulevard von Nizza und dem Axt-Attentat in Würzburg, reichen ein Knall und bewaffnete Beamte in Zivil, um eine Massen-Panik auszulösen. Mehr als 4300 Notrufe gingen vorletzte Nacht bei der Münchner Polizei ein.

Am Tag danach wissen wir: Das Massaker eines psychisch gestörten 18-Jährigen an Jugendlichen in einem Fast-Food-Restaurant hat die Massenpanik ausgelöst.

Die deutsche Exekutive hat hoch professionell reagiert und alle Hinweise bis zum Beweis des Gegenteils ernst genommen. Der Stopp des öffentlichen Verkehrs und die Räumung des Hauptbahnhofs sollten die Bewegungsmöglichkeiten der vermuteten Mittäter einschränken und gleichzeitig zusätzliche Opfer verhindern.

"Wer denkt, ist nicht wütend"

Was nachhaltig nachdenklich stimmen muss, sind die Schuldzuweisungen, die in den sozialen Medien umgingen als es noch keinen einzigen Hinweis auf den Täter gab, außer, dass er "Deutsch-Iraner" sei. Den Vogel schoss einmal mehr Donald Trump ab: "Terror bedroht uns alle", twitterte der US-Präsidentschaftskandidat.

"Danke, Angela!" und "Nur nicht die heilige Angie anrühren" war noch eine der harmloseren Varianten, die auf deutschen und heimischen Accounts gepostet wurden. Die Polizei legte noch in der Massaker-Nacht demonstrativ Wert darauf, dass der Deutsch-Iraner "bereits länger als zwei Jahre" im Land lebte. Die Botschaft, die hier unausgesprochen deutlich gemacht werden sollte: Was immer hinter dieser Wahnsinnstat steckt, der Täter kam nicht als Flüchtling nach Deutschland – und schon gar nicht mit der großen Welle im Vorjahr. Wer wie FPÖ-General Harald Vilimsky auch am Tag danach noch Sätze wie diese twittert, hat nichts als neue Hetze im Sinn: "Ein iranischstämmiger Terrorist, der Allahu akbar schreit und dann Kinder tötet, ist eh kein Terrorist. Man lernt nie aus" (siehe Seiten 6, 7).

Das Massaker von München des Ali David Sonboly weckt bei der Münchner Polizei immer mehr Erinnerungen an die Wahnsinns-Tat des Anders Behring Breivik, die sich am gleichen Tag zum fünften Mal jährte. Die Toten von München und Utøya mahnen ein: Jetzt sind einmal Tage der Trauer und des Nachdenkens angesagt. Vor allem darüber, was wir gegen den zunehmenden Hass unternehmen können. Der Zufall will es, dass die große alte Dame des Kulturlebens, Lotte Tobisch, in einem KURIER-Interview (siehe Seiten 12, 13) wenige Tage nach Nizza, aber vor München selten klare Worte zu dieser Kardinalfrage gefunden hat: "Wer denkt, ist nicht wütend."