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21.01.2018

Die letzte rote Bastion, ein Scherbenhaufen

Wer immer im Duell um die Häupl-Nachfolge obsiegt, er übernimmt keine Partei, sondern zwei verfeindete Partien.

Wer immer im Duell um die Häupl-Nachfolge obsiegt, übernimmt keine Partei, sondern zwei verfeindete Partien.

Josef Votzi | über den roten Zweikampf Ludwig gegen Schieder

Szenen eines Flashbacks im 19. Stock des Wiener Ringturms: In den ersten Reihen des Saals mit spektakulärem Ausblick über ganz Wien: Josef Ostermayer, Doris Bures, Gerhard Schmid (einst Werner Faymanns rechte Hand als SPÖ-Bundesgeschäftsführer) und etwas abseits Faymann-Ehefrau Martina Ludwig. Es fehlt eigentlich nur Kanzler a. D., Werner Faymann himself.

Angesagt war dieser Tage ein Talk mit Bürgermeisterkandidat Michael Ludwig vor Opinion-Leadern. Ludwig plaudert sich mit einer gehörigen Portion Schmäh locker und fehlerfrei durch die geplante Stunde. Vielleicht lag das auch an der Heimspiel-Atmosphäre. Das vor einem Jahr am 1. Mai am Wiener Rathausplatz ausgepfiffene Faymann-Lager sinnt im Windschatten Ludwigs auf Rache für die demütigende Entmachtung.

An Selbstbewusstsein mangelt es auch seinem Gegenspieler nicht. Mit der Routine des weltgewandten Profis sucht sich Andreas Schieder dieser Tage besonders leutselig zu geben – und nicht allzu oft die Grenze zum unsympathischen Zynismus zu überschreiten. Überall wo Schieder auftaucht sind auch Michael Häupl und seine Stadträtinnen, allen voran Renate Brauner, nicht weit. Der bald ein Vierteljahrhundert regierende rote Stadtchef gibt sich offiziell im Nachfolgeduell neutral. Jeder in der SPÖ weiß aber, dass er Andreas Schieder als Erben will.

Die ungekrönte rote Nr. 1 hat sein Vermächtnis aber nachhaltig beschädigt. Häupl hat es nicht geschafft, die persönlich tief verfeindeten Lager in Wiens SPÖ zu befrieden. Der Familienstreit wird so erstmals nicht im Wohnzimmer, sondern auf offener Bühne ausgetragen. Schieder & Ludwig bemühen sich zwar seit Wochen, einen Wettbewerb der Ideen zu inszenieren. Mehr als dass der eine mehr Gemeindebauten bauen will als der andere, aber dafür das Geld fehlt, kam unterm Strich aber nicht heraus.

Programme von gestern, Pfründe von morgen

Kein Wunder. Der Schaukampf um die Häupl-Nachfolge ist kein Wettbewerb ums bessere Programm. Es geht allein darum, welche Partie künftig in der Wiener Partei das Sagen hat. Um Ludwig scharen sich jene Roten, die sich in der Ära Häupl bei der Vergabe von Jobs und Pfründen zunehmend an die Wand gedrückt fühlten. Um Schieder jene, die fürchten, dass sie mit Einzug der Partie um Ludwig ihre Vormachtstellung in der Partei auf längere Zeit verlieren.Je ein Drittel der etwas über 900 Parteitagsdelegierten wird einem der beiden Lager zugerechnet. Das Rennen wird am Ende der machen, von dem das restliche Drittel glaubt, dass es mit ihm nicht weiter abwärts geht.

Noch rechnen beide Lager felsenfest mit dem Sieg ihres Frontmanns. Hinter den Kulissen wird daher mit noch härteren Bandagen gekämpft. Schieder macht in der finalen Flüsterpropaganda am meisten zu schaffen, dass seine Partnerin, Ex-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, vom Faymann/Ludwig-Lager als Regisseurin des Kanzler-Sturzes erneut in die Auslage gestellt wird.

Selbst einem politischen Großkaliber wie Michael Häupl ist es so nicht mehr gelungen, die Legende von Wien als letzte heile rote Bastion aufrechtzuerhalten. Kommenden Samstag stehen sich zwei total verfeindete rote Lager mit geballter Faust im Hosensack gegenüber. Wer immer im Macht-Duell obsiegt, übernimmt einen Scherbenhaufen: Eine Partien-Partei, die abseits der Reanimation alter Parolen zunehmend politikunfähig ist.