Der Wirt ersetzt nur den Meinungsforscher

Gespräche beim Wirten sind fein, ersetzen aber den Psychiater nicht. Politiker könnten beim Wirt viel lernen.

Gespräche beim Wirten sind fein, ersetzen aber den Psychiater nicht.

Dr. Helmut Brandstätter | über den Leitl-Sager

In der Schlussphase des Wahlkampfs in der Wirtschaftskammer hat Christoph Leitl noch die schnelle Schlagzeile gesucht: Ein guter Wirt würde drei Psychiater ersparen, so Leitl. Das ist ebenso unsinnig, wie die darauffolgenden Proteste der Ärzte übertrieben waren. Die Heilung psychischer Probleme ist zu ernst für einen billigen Schlagabtausch. Aber Politiker würden sich Umfragen und sinnlose Streitereien ersparen, würden sie mehr zuhören als reden. Beim Wirt, im Wartezimmer, in der U-Bahn. Da ist immer öfter zu hören, dass es den Kindern nicht mehr so gut gehen wird, dass der Wohlstand zu Ende geht und auch, dass die Deutschen es im Moment besser machen.

Letzteres belegen alle offiziellen Statistiken. In Deutschland sinken Arbeitslosigkeit und Defizit, während die Wirtschaft wächst. Die deutsche Industrie ist weltweit geachtet, manchmal sogar gefürchtet, der Arbeitsmarkt ist für gut ausgebildete Einwanderer attraktiv und erreichbar. Die Reformen der rot-grünen Regierung Schröder wirken noch immer nach, auch wenn sie teilweise zurückgefahren werden. So soll aus der Rente mit 67 eine Rente mit 65 werden, und zwar gleich für Frauen und Männer. In Österreich hingegen glaubt die SPÖ noch immer, den Frauen einen Gefallen zu tun, wenn sie früher in Pension gehen dürfen.

Noch können wir halbwegs mithalten, dank so kreativer Unternehmer wie dem Chemiker Ulrich Kubinger, den wir in der Business-Beilage vorstellen. Aber lange können wir uns den Reformstau nicht mehr leisten. Noch dazu, wo man bei jedem Wirt hören kann, dass wir ohne Reformen den Wohlstand nicht halten können. Dann werden wir erst recht Psychiater brauchen.

Erstellt am 26.02.2015