über die sechs Lehren aus der Holland-Wahl
03/18/2017

"Der Schmied schlägt den Schmiedl" ist out

Rückt die Mitte nach rechts, haben Krawallmacher das Nachsehen – sechs Lehren aus der Holland-Wahl.

von Josef Votzi

'Schmied schlägt Schmiedl' ist out: Rückt die Mitte nach rechts, haben Krawallmacher-Parteien das Nachsehen.

Josef Votzi | über die sechs Lehren aus der Holland-Wahl

"Gut gemacht Holland", jubelte Bild. "Die populistische Welle hat die Niederlande nicht überwältigt", frohlockt La Repubblica. Die Bibel der italienischen Intellektuellen und das deutsche Massenblatt tönten selten einmal einstimmig: Bravo Niederlande, ihr habt Euch und Europa viel erspart.

Dass Geert Wilders und seine FPÖ-Getreuen dagegen an-twittern – geschenkt. Neu ist, dass der heftige Widerspruch weit über den Wilders-Fanclub hinausgeht. "Warum reden wir hier von Niederlage von Wilders (plus 2 Mandate) und Sieg von Rutte (minus 9 Mandate)?", twittert etwa die Chefin des SPÖ-nahen Meinungsforschungsinstituts IFES. Vor allem Sozialliberale bis Linke monieren unisono: Wilders sitze zwar weiterhin nicht in der Regierung, wird aber mehr denn je die Agenda prägen.

Ein Wahlergebnis, zwei total diametrale Deutungen – was lässt sich daraus für den dräuenden Wahlgang in Österreich lernen? Simple Vergleichsrechnungen zwischen Blau, Rot oder Schwarz bleiben ein Fischen im Trüben. In den Niederlanden standen mehr als 20 Parteien zur Wahl, 13 schafften es ins Parlament. Spannendere Erkenntnisse ergibt ein Blick auf die Wahl-Dramaturgie:

Rückt die politische Mitte nach rechts, haben Krawallmacher das Nachsehen: Noch vor zwei Wochen war Platz 1 für Wilders in Greifweite. Als der konservative Premier Rutte Erdoğans Ministerin außer Landes wies, war ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen. Die Theorie, man ginge lieber zum Schmied als zum Schmiedl, fiel im Praxistest durch.

Starren auf die Stammwähler wird zum Blick ins Leere. Wahlen werden mit jenen gewonnen, die sich knapp davor und - bald überwiegend - jeweils anders entscheiden.

Der zunehmende Wettlauf beim EU-Bashing führt in die Sackgasse: Europa ist beim Wahlvolk (wieder) weitaus höher im Kurs als "die da oben" glauben. Pro-EU-Parteien haben mehr zugelegt als EU-Hasser wie Wilders. Der neue Polit-Star, Jesse Claver, vervierfachte als "grüner Justin Trudeau" seine Stimmen – mit einem weit über Holland hinaus überfälligen Motto: "Wir müssen wieder miteinander reden. Und nicht gegeneinander schreien."

Die Polarisierung zwischen linkem und rechtem Rand wird zwar schärfer. Gewonnen und verloren werden Wahlen aber im Kampf um den besten Platz in der breiten Mitte.

Die Zeit, in der Mitte-Politiker mit Sowohl-als-auch reüssieren konnten, sind vorbei. Ohne Law and Order geht es für Mitte-Parteien auch im Vorzeigeland der Weltoffenheit nicht mehr. Gefragt sind nicht schwammige Floskeln, sondern kantige Ansagen – aber mit dem Florett und nicht mit dem Dreschflegel. Schrille Töne sind nach Brexit und Trump in Europa (wieder) out.

Politik-Verdrossenheit bleibt eine Fata Morgana. Was explodiert, ist die Politiker-Verdrossenheit. Wenn Spitzenkandidaten allerdings ein klares Angebot und einen inhaltlich spannenden Wahlkampf bieten, dann ist über Nacht Schluss mit der Wahlmüdigkeit. In Holland gingen diese Woche wieder mehr als 80 Prozent zu den Urnen.

So gesehen hat Bild ohne jedes Wenn und Aber recht: "Gut gemacht, Holland."

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