ĂŒber Seelenhygiene bei Politikern
06/27/2013

Beatrix Karl ist kein Einzelfall

von Michael Hufnagl

Beatrix Karl ist kein Einzelfall

Michael Hufnagl | ĂŒber Seelenhygiene bei Politikern

Seit gestern Abend sage ich mir, dass ich nichts darĂŒber schreiben mag, weil es mich so aufregt. Deshalb schreibe ich jetzt darĂŒber. Es muss sein. Der Auftritt von Justizministerin Beatrix Karl in der ZiB2 zu der Vergewaltigung eines 14-JĂ€hrigen in der Justizanstalt Josefstadt hat mich ausnahmsweise - man ist ja viel gewöhnt - zu sehr bewegt, zu sehr verstört, zu sehr erzĂŒrnt. Dabei geht es mir aber nicht um irgendwelchen Parteien-Verkehr, um Wahlkampf-Getöse, um links-rechts-oben-unten, um schwarz-rot-blau-grĂŒn-wasweißich. Mir geht es um einen Menschen. Um eine Frau, die sich in ihrer staatstragenden Funktion in ein TV-Studio setzt und dort in lĂ€ppischen neun Minuten all das offenbart, was mich an der Politik so anwidert.

NLP-Marionetten und Parteiroboter

Liebe Politiker, Ihr ĂŒbertrainierten NLP-Marionetten und gefĂŒhlsverstĂŒmmelten Parteiroboter: Könnt Ihr wirklich nicht mehr Ihr selbst sein? Wo ist Euer Herz? Eure Empathie? Eure SensibilitĂ€t? Wo ist die Ehrlichkeit? Das Gewissen? Die Emotion? Wo auf Eurem Weg habt Ihr mit der Seelenhygiene aufgehört? Ja, ich verallgemeinere. Ein Effekt, den ich mir ausnahmsweise gestatte. Denn Beatrix Karl ist kein Einzelfall. Aber ihr Auftritt war so entlarvend, dass mir mitunter richtig ĂŒbel wurde. Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die wiederholt von einem ("mehr als bedauerlichen") Einzelfall spricht und dabei die vielen gegenteiligen Fakten verdrĂ€ngt? Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die im Stakkato ihrem grandios verbesserten System huldigt und dabei völlig die Betroffenheit aus den Augen verliert (sogar die gespielte)? Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die sagt "Strafvollzug ist kein Paradies" inklusive "Die ZustĂ€nde waren noch nie so gut wie jetzt" und uns damit AnsĂ€tze von "Selber schuld" suggeriert? Die hinter der Maske von ErklĂ€rung und Rechtfertigung so viel Zynismus und Verachtung verbirgt?

Gruselige Einblicke

Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die beschwichtigend erklĂ€rt, sie sei keine Sozialromantikerin und "niemand kann eine Garantie abgeben, dass ein solcher Fall nicht mehr passiert", statt ihre Verantwortung klar und deutlich zur Sprache zu bringen und zu sagen: "So etwas darf in einer Demokratie, in einem Land Österreich, in meinem ZustĂ€ndigkeitsbereich nie mehr passieren, und dafĂŒr werde ich kĂ€mpfen"? Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die ihrem Interviewer live vor Hunderttausenden Zusehern ins Gesicht sagt "Ich habe erst heute davon erfahren" – und sich dann stotternd aus der peinlichen AffĂ€re ziehen will? Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die auf die Frage von Armin Wolf, ob sie sich schon entschuldigt hĂ€tte, zu lachen beginnt? Die gar nicht mehr aufhört zu grinsen (ob es Hohn oder eine unbewusste Übersprungshandlung war, sollen Experten erlĂ€utern)? Die nicht die GrĂ¶ĂŸe hat, im Namen der Republik ihrer Rolle gerecht zu werden, sondern wie ein trotziges Kind erklĂ€rt: "Ich entschuldige mich gerne bei ihm, aber ich sehe hier nicht meine Schuld darin."? Was ist das fĂŒr eine Ministerin, die auf die simple Frage nach einer EntschĂ€digung allen Ernstes und ohne Nachdenkpause sagt: "Das kann ich juristisch nicht beurteilen."? Die gleich danach das sprechmethodische Themenwechsel-Programm in der perfidesten Auslegung offenbart - "Das muss man sich genau ansehen, das werden wir uns genau ansehen, aber mir geht's jetzt wirklich einmal darum ..." Die sich nicht dabei geniert, die neuerliche EntschĂ€digungsfrage mit "Das muss erst geprĂŒft werden, bitte ich kann als Justizministerin nicht da sitzen und mit dem Geld um mich werfen" aus der Welt schaffen zu wollen? Um dann gĂŒtig und gönnerhaft abzuschließen mit: "Und wenn die PrĂŒfung ergibt, dass so etwas möglich ist, gerne"? Eine EntschĂ€digung fĂŒr einen 14-JĂ€hrigen, der in der Obhut des Staates vergewaltigt und schwer verletzt wird, ist ein saloppes "So etwas"? Sprache kann so verrĂ€terisch sein. Sie kann so gruselige Einblicke gewĂ€hren. Sie kann eine Psyche in rasender Geschwindigkeit offen legen?

Moralische Gratwanderung

Beatrix Karl war gestern Abend kalt. Eine launige SpaziergĂ€ngerin am moralischen Grat. Eine Politikerin, die eilig und obsessiv damit beschĂ€ftigt ist, in erster Linie sich, ihre Partei und ihr System zu verteidigen. Dabei darf sie sich auf gar keinen Fall einen Fehler zugestehen. Und genau daran krankt dieser ganze Apparat. Er ist von ZurĂŒckweisung, Projektion und Ignoranz zerfressen und menschlich ausgehöhlt. Er erlaubt keine TrĂ€nen, aber er lacht uns aus. Er kotzt mich an. Ob Beatrix Karl als Konsequenz eines symptomatischen Handelns zurĂŒcktreten soll, ist mir einerlei. Ich fordere gar nix. Ich wĂŒnsche mir nur eine dringend notwendige Investition, von mir aus auch gerne aus Steuergeld: Liebe Politikerinnen und Politiker, kauft Euch Spiegel und schaut Euch an!

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