über Verhandlungen in Wien und Brüssel
07/14/2015

Wichtige Tage in der Geschichte Europas

Politik lebt nicht von glamourösen Auftritten, sondern von mühsamen, langwierigen Gesprächen.

von Helmut Brandstätter

Die Deutschen müssen darüber hinaus immer an ganz Europa denken

Dr. Helmut Brandstätter | über Verhandlungen in Wien und Brüssel

Es war reiner Zufall, dass in der Nacht, wo EU und Euro wieder einmal gerettet wurden, Amerikaner und Iraner bei ihren Gesprächen über die zivile Nutzung der Atomkraft fast ans Ziel kamen. Die Verhandlungen, die zeitgleich in Brüssel und Wien stattfanden, haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Aber politische Entwicklungen in Europa sind immer im historischen Zusammenhang zu sehen, und das gilt auch für die Rolle Teherans in diesen Tagen. Der Iran, lange bloß Objekt der ökonomischen Öl- und Machtinteressen des Westens und nach der Khomeini-Revolution geächtet, soll also trotz schiitisch-fundamentalistischer Führung wieder in die Gemeinschaft der Staaten aufgenommen werden. Das ist gut, so lange gerade Österreich und Deutschland auf die Interessen Israels achten, eine historische Verpflichtung. Die Deutschen müssen darüber hinaus immer an ganz Europa denken. Das ist in Brüssel gelungen, obwohl es nach dem Schäuble-Plan, die Griechen fünf Jahre vor die Euro-Türe zu setzen, nicht so ausgesehen hat.

Die New York Times sieht bereits die "Rückkehr der Deutschen Frage", konkret das Dilemma, wie die Welt mit einem mächtigen Deutschland umgeht. Der Euro, so der Autor, würde Nationen zusammenbinden, die wirtschaftlich zu unterschiedlich seien, lax im Süden und diszipliniert im Norden. Das müsse zwangsweise zur Stärkung der "Exportmaschine Deutschland" führen.

Nationalismus ist ein Schaden für alle Nationen

Nach dieser Logik dürfte auch der Dollar nicht funktionieren. In den USA gibt es Gegenden, die weniger entwickelt sind als Griechenland, und sehr reiche Regionen. Die Frage ist ja vielmehr, ob die Bevölkerung in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden bereit ist, noch einige Zeit für südliche Länder zu zahlen. Und ob die Griechen bereit sind zu akzeptieren, dass absurd hohe Schulden zwangsweise zu einer Abhängigkeit von den Gläubigern führen müssen. Fraglich ist auch, ob die europäischen Nationen ihre große Unterschiedlichkeit auf relativ kleinem Raum als Reichtum sehen oder deshalb wachsende Ablehnung empfinden werden.

Da sind die Politik – und die Geschichtslehrer – gefragt. Die deutsche Frage entstand ja nicht aus der ökonomischen Überlegenheit einer großen Nation in der Mitte des Kontinents, sondern aus der Unfähigkeit der Politiker dies- und jenseits der Grenzen, damit umzugehen. Die nationalistischen Rattenfänger warten nur auf die Schwächung und sukzessive Auflösung der Europäischen Union. Es gibt diese interessanterweise am wenigsten im starken Deutschland, aber Marine Le Pen wartet nur darauf, auf die Überlegenheit des großen Nachbarn hinzuweisen. Aber warum sollte die französische Industrie stärker werden, wenn sie plötzlich nicht mehr in Konkurrenz zur deutschen stünde? Chauvinismus macht nie Sinn, das haben Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel verstanden. In dieser Nacht von Sonntag auf Montag und hoffentlich für alle Zeiten.

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