über Griechenland und die EU
07/07/2015

Ideologien sind das Gegenteil von Ideen

Wirtschaftlicher Fortschritt ist nicht mit politischen Überzeugungen zu erreichen, sondern mit Verstand.

von Helmut Brandstätter

Wirtschaftlicher Fortschritt ist nicht mit politischen Überzeugungen zu erreichen, sondern mit Verstand.

Dr. Helmut Brandstätter | über Griechenland und die EU

Ideologie – das ist ein Begriff griechischen Ursprungs, den man mit Weltanschauung übersetzen könnte, stets verbunden mit einem hohen Anspruch auf Wahrheit. Ideologien werden oft geradezu religiös verfolgt, da wird kein Widerspruch geduldet, da gelten auch keine vernünftigen Argumente. Schon sind wir tief im griechischen Drama.

Seit dem Wahlsieg der Syriza am 25. Jänner sind Ideologen in ganz Europa in ihrem Element. Die Linke jubelte über die Niederlage des "Neoliberalismus", dabei hatten die korrupten Parteien verloren. Rechte freuten sich darauf, dass der linke Tsipras nun selbst Sozial-Kürzungen vornehmen müsse, und Nationalisten wittern Auftrieb, weil die rechtspopulistische ANEL mitregiert. Auf der Strecke blieben Vernunft und Mathematik: Schulden müssen zurückbezahlt werden, und ein Aufschwung braucht Investitionen und Stabilität. Nichts davon ist eingetreten, das Referendum mit verwirrender Fragestellung hat weder die Bankomaten gefüllt noch die Renten sicherer gemacht oder gar Arbeitsplätze geschaffen. Weil all das nicht mit Ideologien, sondern nur mit Ideen funktioniert. Und mit deren Umsetzung.

Ideologien werden immer mit Emotionen verbreitet. Alexis Tsipras weiß natürlich aus den langen Sitzungen mit seinen Euro-Partnern, dass nicht die "bösen" Deutschen schuld sind. Vielmehr drängten Vertreter kleiner Staaten auf Reformen. Aber auch 74 Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht wirkt der "hässlichen Deutsche". Genau so primitiv, aber auch wirksam, sind die Emotionen der Rechten, gerade auch in Österreich: Der "faule Grieche in der Hängematte", ein beliebtes Hassmotiv.

Das Friedensprojekt als historische Lehre

Dumpfer Nationalismus, falsch verstandener Stolz und die Illusion, mit einem Waffengang Probleme lösen zu können, haben zum Ersten Weltkrieg geführt. Mit Rassismus, Antisemitismus und dem Irrsinn einer "historischen Mission" hat Adolf Hitler ein geschlagenes Volk aufgeputscht und die ganze Welt in Flammen gesetzt. Das ist gar nicht so lange her. Aber dann haben die Sieger den Verlierern die Hand gereicht. Die Europäische Gemeinschaft, die da entstanden ist, bleibt ein großartiges Friedensprojekt, weil es eben kein ideologisches Konstrukt war, sondern die Umsetzung der Lehre aus einer schmerzlichen historischen Erfahrung.

Hingegen kann man dem Euro schon vorwerfen, dass er nicht nur auf Vernunft aufgebaut war, vor allem was Zeitpunkt und Mitglieder betrifft. Griechenland war nicht reif dafür, die Zahlen, die geliefert wurden, waren falsch oder nach dem Prinzip Hoffnung erstellt.

Seit Montag wissen wir: Das Nein hat zu keinen Verwerfungen auf den Märkten geführt, es gibt auch einen Euro ohne Griechenland. Jetzt gilt das demokratische Prinzip auch für die Geldgeber. Neue Hilfsprogramme bräuchten Mehrheiten in den europäischen Parlamenten. Dafür muss Europa das Prinzip der Solidarität leben und den Armen helfen. Werte sind besser als Ideologien.

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