über Chaos am Nil
08/19/2013

Ägypten helfen weder Kugeln noch Wahlen

Analphabetismus, Überbevölkerung und Wassermangel liefern den Nährboden für Gewalt.

von Konrad Kramar

Ägyptens prominentester Liberaler hat das Land verlassen.

Mag. Konrad Kramar | über Chaos am Nil

Man mag es schlicht als Heimaturlaub abtun, immerhin hat Mohammed ElBaradei viele Jahre in Wien gelebt. Doch dass der Nobelpreisträger und soeben zurückgetretene Vizepräsident Ägyptens am Sonntag aus Kairo nach Wien gereist ist, wiegt weit schwerer. Ägyptens prominentester Liberaler hat das Land verlassen, auch weil für moderne, weltoffene Politiker in diesen Tagen kein Platz mehr in dem nordafrikanischen Riesenland ist. Jetzt sind die Fronten in Ägypten dort, wo sie waren, seit sich das Land aus der britischen Vorherrschaft befreit hat: Hier die Militärs, die bereit sind, ihre Macht mit Gewalt zu verteidigen, dort eine sich radikalisierende islamistische Bewegung. Zwischen diesen Fronten aber rutscht ein Volk mit mehr als 80 Millionen Menschen unaufhaltsam in Chaos und Elend. Mubaraks Militärdiktatur wurde gestürzt, auch weil sie die strukturellen Probleme des Landes ignorierte und sich lieber mit westlicher Hilfe über die Runden rettete. Ägypten hängt an importiertem Weizen wie ein Komapatient an einem Tropf, und weil der Tourismus als einzige potente Devisenquelle nicht mehr funktioniert, kann es diesen Weizen bald nicht mehr bezahlen. Währenddessen wird das kostbare Nilwasser zunehmend verschmutzt, oder in eine ineffiziente Landwirtschaft gepumpt, die lieber Frühkartoffeln für Europa als Nahrung für ihre Landsleute produziert. Mit 30 Prozent Analphabeten wird jeder Versuch, dieses Land auf breiter Basis wirtschaftlich zu modernisieren, zur Sisyphus-Arbeit. Vor diesen Problemen steht jede Führung dieses Landes, ob sie nun gewählt oder an die Macht geputscht ist. Werden sie nicht gelöst, werden in Ägypten immer und immer wieder die Gewehre sprechen.

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