Der biologische Tramway-Fahrschein

Ein Athleten-Pass als Lösung des Doping-Problems? Vorerst wird noch verschleiert.

Nach der Armstrong-Show glaubt keiner mehr daran, dass der Radsport je dopingfrei sein kann.

Doch ausgerechnet am Tag, an dem Late Night Talker Jimmy Fallon ein genial komisches Interview mit Lance Armstrongs Fahrrad führte, wird der Radsport plötzlich zum Vorbild. Stuart Miller, Doping-Bekämpfer der ITF (Internationaler Tennisverband), fordert einen biologischen Pass für Tennis-Profis. Weil genau dieses System im Radsport so gut funktioniere.

Bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ist man sogar überzeugt, dass biologische Pässe das Dopingproblem ein für alle Mal bereinigen würden.

Die Methode: Zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhobene Daten eines Athleten werden miteinander verglichen. Auffällige Abweichungen lassen auf Doping schließen. Je mehr Sportler in der Datenbank, desto genauer die Richtlinien, desto besser die Trefferquote.

Das Kalkül Millers: Die ITF ist unter Beschuss geraten, weil kaum Bluttests durchgeführt werden. Zuletzt beschwerten sich Murray, Djokovic und Federer darüber. 21 Trainingsbluttests im Jahr 2011 – keine andere Sportart kommt mit einer derart geringen Quote durch.

Zittern

Der Anflug von Selbstreinigung im Tennis hat noch einen Hintergrund: Am Montag beginnt der Prozess gegen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes. Die Angst ist groß, dass Namen prominenter Fußballer und Tennisspieler fallen werden. Groß – aber unbegründet: Die spanischen Behörden haben verfügt, dass nur der Radsport Prozess-Thema sein werde. "Unterdrückung von Beweisen", nennt das WADA-Direktor David Howman. Denn Fuentes habe zu Protokoll gegeben, dass Fußballer und Tennisspieler zu seinen "Patienten" zählten.

Bevor die Bereitschaft, alles aufzudecken, nicht da ist, bevor die WADA selbst korrupte Doping-Profiteure ihres eigenen Systems nicht im Griff hat, ist der biologische Pass ungefähr so viel wert wie ein gezwickter Tramway-Fahrschein von gestern.

(KURIER) Erstellt am
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