wunder WELT: Kreislauf

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Meinung Kolumnen Wunderwelt
03/01/2012

wunder WELT: Schwarzfahren

Joachim Lottmann über Bettler und Kontrolleure in der U-Bahn.

von Joachim Lottmann

Heute in der U-Bahn. Ich habe ein Ticket gekauft, aber das Abstempeln vergessen. Die Maria hat eine Jahreskarte. Das passiert mir oft, aber diesmal kommt wirklich die Kontrolle. Leute mit plumpen Schuhen und billigen dunkelblauen Anoraks, leicht zu erkennen, die zwei Bettler vor sich hertreiben. Die Maria hat sofort Mitleid, da die Bettler Krücken schleppen und auch sonst verängstigt wirken. Eine junge Frau, vielleicht wurde sie belästigt, ruft ihnen böse hinterher, Betteln sei in Wiener U-Bahnen verboten, sie sollten sofort aussteigen. Das macht meine Freundin noch wütender: "Das ist arg, wie die Sinti und Roma behandelt werden. Ich möchte ihnen am liebsten noch Geld geben." Ich hoffe dagegen, die Kontrolleure sind von alldem abgelenkt und achten nicht auf MICH. Falsch! Plötzlich steht einer vor mir und starrt mich an. Ich ignoriere ihn und sage seelenruhig zur Maria: "Die Bettler müssen sich genauso an Recht und Gesetz halten wie jeder andere auch." Es läuft nämlich gerade unser Notfallplan, den wir für diese Situation vor langer Zeit abgesprochen haben: Die Maria sucht wie in Panik nach ihrer Fahrkarte. Sie spielt die Schwarzfahrerin und beschäftigt mit viel Getue den Greifer, so heißen diese schlecht gekleideten Leute in Deutschland, bis die nächste Station kommt und ich entwischen kann. Immerhin kann ich so 100 Euro sparen. Auch Maria wird nach draußen geführt, "findet" dann ihre Jahreskarte.

Gesagt, getan. Oben auf der Zieglergasse treffen wir einander wieder. Die Maria ist wütend: "Den Spruch mit ,Recht und Gesetz’ hättest du dir echt sparen können! Wo haben sie die Bettler denn hingebracht?" – "Wieso? Willst du denen immer noch Geld geben?" Wenn Blicke töten könnten! Rasch schwenke ich um. Von den gerade gesparten 100 Euro drücke ich den armen Menschen, die nun, auf ihre Krücken gestützt, neben dem Café Ritter stehen, je fünfzig in die Hand.

joachim.lottmann(at)kurier.at

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