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06.01.2012

wunder WELT: Öl-Schinken

Joachim Lottmann über das romantische "Meer".

Zu Weihnachten haben wir ein großes Ölbild bekommen, einen richtigen "Schinken". Es war unser erstes Kunstwerk dieser Art, und die Maria hat es selbst bei eBay ersteigert. Das war nicht billig. In den letzten zehn Sekunden der Auktion kletterte der Preis von acht Euro auf fünfzig. Dann wurde das Ding angeliefert, und es war schiach. Es hieß "Meer", sah aber aus wie Windstille. Da tat sich nichts, jede Dramatik und Expressivität fehlte. Es war der schnarchlangweilige Blick aus der Luke eines Riesencontainers. Ich sagte: "Der erste, der das Bild lobt, kriegt es geschenkt!" Wir hätten es sonst gar nicht aufgehängt. Der größte Heuchler sollte es zur Strafe mitnehmen müssen. Und so war es dann auch. Polly Adler kam, eine Kulturredakteurin und ein Burgschauspieler – alle drehten sich rasch weg, nicht ohne erkennbaren Ekel. Doch dann kam der deutsche Publizist Matthias. Er blieb stehen, zog die Augenbrauen hoch, sagte nach einer Kunstpause: "Schön, wie der Meister hier das Blau gesetzt hat." – "Ja, nicht wahr? Dir gefällt das Oeuvre?" – "Ja, ihr habt Geschmack, ohne Frage." – "Es heißt ,Meer’ und stammt aus der späten Romantik." – "Was?!" – "Also aus der romantischen Phase des Künstlers." – "So so." – "Matthias, wir schenken dir das Bild." – "Nein!" – "Doch." Maria klammerte sich an mich, sagte, das könne ich nicht tun, es sei doch mein Lieblingsbild. Ich bestand aber darauf. Auch unser Gast wehrte verzweifelt das Geschenk ab. Ich schaltete auf stur. Alle riefen klagend durcheinander. Ich deklamierte schließlich: "Ich möchte, dass Matthias etwas von uns in seiner Wohnung hat, das wirklich von Herzen kommt!"Ja, stimmte Maria nun endlich zu, das sei wahr, denn auch ihr habe ,Das Meer’ viel bedeutet ... Matthias schluckte trocken. Heute hängt der Schinken in seiner hochherrschaftlichen Wohnung in Hamburg-Winterhude, direkt über dem Elektro-Herdfeuer.joachim.lottmann(at)kurier.at