wunder WELT: Kulturverlust

wunder WELT: Kreislauf © Bild: KURIER/Christandl

Joachim Lottmann über das neue Café Hummel und den Verlust seines liebenswert-muffigen Altwiener Charmes.

Schön waren die Leut nie im Café Hummel, sagt man mir. Aber früher, vor der Renovierung, war die Stimmung fröhlicher, aufgeräumter, heller. Wie in einem Schulklassenzimmer saßen ganz viele – zugegebenermaßen nicht sehr schöne – Menschen an kleinen klebrigen Resopaltischen, redeten aufgeregt miteinander und nahmen sich und alle anderen wahr. Der Raum wirkte offen, fast schon öffentlich. Die Leute saßen auf abgesessenen Sitzbänken und seltsamen modrigen Sesseln vor total angegilbten Wänden. Am Kopf­ende des vorderen Raumes prangte eine wandgroße Fotografie des Hummel von 1935. Genauer gesagt war es die Aussicht aus dem Café auf den davorliegenden Platz mit seinen Straßenbahnen, hohen Bürgerhäusern und eilenden Fußgängern in Schwarzweiß. So sieht das eigentlich noch heute aus, draußen. Nur das Café hat seit zwei Wochen seinen liebenswert-muffigen Altwiener Charme verloren. Schwarze Achtziger-New-Wave-Glasflächen vermitteln die Kälte des Business-Bistros des luxussanierten Bahnhofs von Erfurt oder Husum. Klar, grindig ist es nicht mehr. Und die früher grantigen Kellner schleichen heute erregt wippend durch den nach Neu-Plastik riechenden Raum und fragen verlogen "Waren Sie zufrieden, mein Herr?"

An der neuen Glitzertheke sitzen die unförmigen, alten Hummel-Glatzköpfe, doch plötzlich fragt man sich, was diese Männer eigentlich beruflich tun. Sie passen nicht mehr her. In Wien war es immer Kult, nicht schön zu sein. Aber hier, im gelackten Flughafendesign des neuen Hummel, spüren die armen Ex-Taxler auf einmal das Schönheitsdiktat im Stiernacken. Ängstlich hocken sie auf den viel zu hohen Barhockern, wie Kinder, deren Füße nicht den Boden berühren.

Die Erste geht schon. Die zerbrechlich-zarte Oma mit der rotbraunen Baskenmütze, die sie nie abnimmt, jeder kennt sie, tippelt verstört Richtung Ausgang. Was für ein Kulturverlust!

joachim.lottmann(at)kurier.at

Erstellt am 22.03.2012