wunder WELT: Diskussion bei Tische

wunder WELT: Kreislauf © Bild: KURIER/Christandl

Joachim Lottmann über das Problem ein gutes Gespräch zu führen.

Wir haben in diesem Jahr das gute Gespräch verlernt. Die Diskussion bei Tische. Also, das dachte ich letzten Sonntag, als wir uns zum Jahresausklang bei einer Freundin trafen, deren Salon alle streitbaren Geister früher schätzten. Man meidet alle bewährten Themen, weil jeder ahnt: Es gibt nur noch ein Thema, die Finanzkrise, und zu dem ist alles gesagt. Wagt sich dennoch einer vor ans Netz – um es in der Tennissprache zu sagen – wird sein Vorstoß in Richtung Ernsthaftigkeit sofort mit einem Spaß-Passierball gekontert. Worte wie Umwelt, Freiheit oder gar Kapitalismus saufen ab wie Gummienten ohne Stöpsel. Selbst ein intellektuelles Schwergewicht wie ein ehemaliger heimlicher ORF-Chef erntete mit seinen unermüdlichen Streifzügen durch die Probleme von gestern nur ein stummes Rühren in der dargebotenen Rindsuppe (um es in der Sprache der ebenfalls anwesenden Polly zu sagen). Nein, die Debatte ist vorbei, das gute Gespräch alten Stils. Und für die Zeit danach muss ein neues Handbuch für Konversation erst noch geschrieben werden. "Plaudern in der Krise" könnte es heißen, oder "Ernst bleiben trotz Eurocrash". Galgenhumor gälte darin als unfein, und Reden über -Emissionen dürfte trotz erwiesener Irrelevanz nicht unterbrochen werden. Auch Referate über Ausländer-, Frauen-, Kinder- oder Schwulenfeindlichkeit müsste der Tischgast stoisch über sich ergehen lassen wie Aufführungen der Peking Oper bei einem Staatsbesuch in China. Und höflich Beifall zollen. Über die Finanzkrise selbst müsste man wiederum tunlichst den Mund halten wie im 19. Jh. über Sex. Schließlich haben alle Experten den Durchblick verloren. Sogar den abgefeimtesten Börsenprofi zerfransen hilflos alle Endlosreden über zirkulierende Fantastillionen und eingebildete Vermögen in virtuellen digitalen Paralleluniversen. Denn schon Wittgenstein wusste ja: Worüber man nicht reden kann, soll man schweigen.

joachim.lottmann(at)kurier.at

Erstellt am 22.12.2011