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12.04.2012

Klavier

Joachim Lottmann hat einen Klavierstimmer zu Gast.

Vorgestern wurde bei uns das Klavier gestimmt. Ja, in Wien gibt es so etwas noch, Klaviere. Für einen Deutschen ist das ja gar nicht zu fassen, wie die "echten" Pferde in der Innenstadt. Da kam also ein ehrenwerter Herr, Konzertpianist, absolutes Gehör, und fummelte am Piano von der Maria herum.

Die kommt ja aus gutem Hause und hat ein feines schwarzglänzendes Klavier von der Tante geerbt. "Darf ich Ihnen etwas anbieten?", fragte sie beflissen. Ja, ein Gläschen Sekt konnte nicht schaden. Mit dem Stimmen des Geräts war er in fünf Minuten fertig. Dann spielte er. Chopin, Liszt, Gershwin, Jürgens. Im Treppenhaus standen schon die Nachbarn.

Unten auf der Straße hielten die Wartenden Münzen bereit. "Siebzehn Jahr, blondes Haar …" schmetterte der edle Tastenspieler in die milde Frühlingsluft. Wirklich schön. Dann brach er abrupt ab, verzog das Gesicht, und beschwerte sich.

Das Klavier tauge nichts, sei viel zu billig, eine Reparatur lohne sich nicht mehr. Maria kämpfte mit den Tränen. Seit Jahren spielte sie so gern darauf. Es gab nicht viel, was sie lieber tat. 100 Euro mussten sofort für das Stimmen hingeblättert werden, dazu 32 Euro für das Einhängen eines Holzstücks. Eine Sekundensache war das gewesen. 700 Euro sollte die fällige Reparatur kosten, die er aber ablehnte. Ein neues Klavier sollten wir kaufen, bei ihm, günstig für 4.500 Euro. Dazu ein digitales Laufwerk, weitere 2.000 Euro. Zusammen mit Lieferung frei Haus zum Sonderpreis von nur 6.490 Euro. Das feine Stück konnten wir sogar vorher im Internet ansehen. Sonst nicht. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem zweiten Glas Sekt, spreizte den kleinen Finger dabei ab. Wir zahlten ihn aus und geleiteten ihn höflich zur Tür. Morgen kaufen wir uns ein neues Radio.

joachim.lottmann(at)kurier.at