Griechenland

molden
Foto: KURIER/Christandl

Ja, so sind wir. Da kennen wir nichts. Misswirt­schaft, Schlamperei und Rütteln am Euro-Watschenbaum werden von uns sofort bestraft. Wir Supertalente, wir brillant-ökonomischen Superösis.

Die Österreicher, so stand es kürzlich auf orf.at, diesem Leitmedium in Sachen "Low-Low", die Öster­reicher also haben Griechenland ihre touristische Liebe entzogen. Selbst Deutschland – Deutsch-land! – rangiere mittlerweile vor Hellas, was die Ferienpläne angeht. Ja, so sind wir. Da kennen wir nichts. Misswirt­schaft, Schlamperei und Rütteln am Euro-Watschenbaum werden von uns sofort bestraft. Wir kaufmännischen Supertalente, wir redlichen Moralgestirne, wir brillant-ökonomischen Superösis, wir dulden sowas nicht. Wir saufen unseren Retsina dann halt in Frankfurt. Das habt’s jetzt davon, ihr ... ihr ... ihr ... Griechen!

Die Liebste, die Brut und ich sind halt leider schlechte Ösis. Kein Gefühl dafür, was sich gehört. Die Griechenland-Ferien im August sind schon gebucht. Und den Reisebüro-Gutschein, den die Drittgeborene bei einer finnischen (!) Tombola gewonnen und in ihrer Güte der Gesamtfamilie zur Verfügung gestellt hat, den haben wir letzte Woche wo am Schädel gehaut? In Budapest! Drei Tage beim zweiten europäischen Schmuddelkind. Aber was sollen wir tun? Wie die Griechen betören auch die Ungarn unsere panier-sozialisierte Verdauung mit ihren intransparenten Eintopfgerichten, wie die Griechen umschmeicheln auch die Ungarn mit ihrem melancholischen Folk unser Innenohr, wie die meisten Griechen sind auch die meisten Ungarn einfach urnette Leute. Ich schwör’s Ihnen: Netter als bei uns. Wir ließen uns also gehen, down in Pörkölt Country. Der indische Elefant im jugendstilenen Budapester Zoo beruhigte unsere Nerven. Das schwefelige Wasser des unglaublichen Gellertbades umgurgelte unsere Bandscheiben, während steinerne griechische (!) Quellgötter uns mit leeren Augen musterten. Wir aßen völlig un­durchsichtige Gulasche und Pörkölte. Und zu guter Letzt fuhren wir raus auf die größte G’stetten von Pest, besuchten den chinesischen (!) Trashmarkt, wo der schöne asiatische Brauch des Kopierens "Marken­produkte" aus aller Welt zu dem macht, was sie eh sind: zu Grusch. Bestgelaunt, nach einem sonnigen Übergangs-Aufenthalt am Neusiedlersee, erreichten wir das Heimatland.

Aber dem Falkenblick unserer Landsleute kann man nichts vormachen. Frisch zurück aus den Fußgängerzonen Bielefelds, sahen sie uns komisch an.

(KURIER / Ernst Molden) Erstellt am
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