über LEBEN: Nächtliche Bedürfnisse

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Guido Tartarotti über Heißhunger und Harndrang.

Als ich vorige Woche eines Nachts aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meiner Küche, wo ich gerade Paprikachips mit Erdnussbutter und kalter Karottensuppe verschlang.

Kein Schmäh jetzt, es trug sich genauso zu. Ich hatte tagsüber aus Eitelkeit ein wenig gefastet, und offenbar trieb mich der Hunger im Schlaf an den Trog. Ja, ich wandle Schlaf. Oder sagt man: Ich schlafwandle? Nach neuer Rechtschreibung vermutlich: Ich Schlaf wandle. Einmal erschlug ich meine Bettgenossin beinahe mit dem Polster, während ich brüllte: Ratten, überall Ratten! Zumindest hat sie es mir so erzählt, ich erinnere mich nicht. Ein anderes Mal stand ich nächtens auf und hielt einen Vortrag über Schillers Sonette zum Pokalendspiel 1977 (ich bin Deutschlehrer- und Turnlehrerkind), wies meine Freundin streng auf den Test in der nächsten Stunde hin und legte mich wieder aufs Ohr.

Das Schlafwandeln hat aber auch einen Vorteil: Ich kann in der Nacht aufs Klo gehen, ohne Licht zu machen, die Augen zu öffnen und überhaupt aufzuwachen. Der Weg aufs Klo ist offenbar in meinem Unterbewusstsein abgespeichert.

Gefährlich wird es nur, wenn ich übersiedle, und der gespeicherte Weg nicht mehr stimmt. In der ersten Nacht in einer neuen Wohnung erwachte ich einmal, weil mir kalt war, und bemerkte, dass ich im Pyjama im Stiegenhaus stand. Ich läutete an der Wohnungstüre, meine Frau öffnete, starrte mich entgeistert an und ich sprach den legendären Satz: Ich wollte ja nur aufs Klo. Bei der nächsten Übersiedlung ging es weniger glimpflich aus. Ich wurde wach, weil meine Frau gellend auf mich einschrie. Ich saß auf einem Korbsessel (ich bin Sitzpinkler, wie jeder zivilisierte Mensch) und harnte ins Schlafzimmer.

Insofern war ich vorige Woche durchaus erleichtert, dass ich schlafend in der Küche nur gegessen hatte, und nicht das Gegenteil.

(kurier) Erstellt am
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