Meinung | Kolumnen | Ueberleben
05.12.2011

über LEBEN: Heute fängt das Leben an

Guido Tartarotti über Hochzeiten und Scheidungen

Kürzlich schaltete der KURIER-Leser Paul S. den ORF-Teletext ein und las: "Heute fängt mein Leben an" . . . Seite 106. Morgen Hitze, Sonne, Gewitter . . . Seite 109. Genauso geht es zu im Leben. Heute fängt es an, morgen schon haut es uns Hagelkörner auf den Schädel. Im Freundeskreis lässt man sich gerade heftig scheiden bzw. verheiraten, manchmal sogar beides gleichzeitig. Menschen, die gestern noch wie glückliche Paare wirkten, sagen auf einmal Unsinn wie "Wir sind jetzt solange zusammen, da können wir uns auch gleich trennen" oder noch größeren Unsinn wie z. B. "Wir sind jetzt solange zusammen, da können wir auch gleich heiraten". Das sind zwei verschieden aussehende, in Wahrheit aber ähnliche Versuche, mit der Langeweile zurecht zu kommen. Denn sowohl hinter den Scheidungen als auch hinter den Hochzeiten stehen keine Seitensprünge als Entscheidungsbeschleuniger. Nein, die Beziehungen sind einfach nur ausgeronnen, den Leuten ist fad miteinander, und jetzt suchen sie nach ein wenig Unterhaltung und Abwechslung. Und so eine Hochzeit oder Scheidung bringt halt viel Kurzweil und Action ins Leben, wenn auch nur für kurze Zeit.

Erstaunlich ist, mit welch bösartiger Energie Menschen, die einander vor zehn Jahren in den Innenhöfen obersteirischer Schlosshotels zu den Klängen von Widerlichkeiten wie "I Will Always Love You" feuchten Auges vor Zeugen ewige Liebe und anderen Unfug schworen, jetzt den "Scheißkerl", vormals Bärlibär, bekämpfen und zu übervorteilen versuchen. Wie viel Würde und Stil ein Mensch besitzt, das zeigt sich bei der Scheidung. Man sollte eigentlich niemanden heiraten, ohne sich vorher von ihm scheiden zu lassen - denn nur da lernt man den anderen wirklich kennen. Gestern Hitze, Sonne, Gewitter, heute fängt das Leben an.