Meinung | Kolumnen | über LEBEN
27.05.2017

War tü.

Witzologie: Über die Kunst, den Todesstein zu rollen.

Die vielleicht beste Pointe der Welt.

Guido Tartarotti | über den Witz.

Was ist eigentlich komisch? Das Wesen des Witzes, sagen Witzologen, ist der Widerspruch. Zwischen dem Erwarteten und dem, was wirklich eintritt. Zwischen dem Gelingen und der Panne. Zwischen dem „Hohen“ und dem „Niedrigen“, also z. B. zwischen dem Präsidenten und der Wasserlacke, in die er fällt (es sorgt seit Jahrhunderten verlässlich für Heiterkeit, wenn jemand nass wird).

Im KURIER wäre beinahe einmal ein Interview erschienen, in dem Gustav Peichl sagt: „Es ist die Aufgabe des Architekten, den Todesstein zu rollen.“ In Wahrheit hatte Peichl gesagt, „nicht modisch sein zu wollen“, aber das hatte jemand beim Abhören des Tonbandes missverstanden. In der Redaktion lachen wir heute noch hysterisch, wenn wir uns an diese Geschichte erinnern.

Das Wesen der Pointe ist die Überraschung. Oder auch nicht: Jeder Witz, den Mario Barth je gemacht hat, beruht darauf, dass die Frau Schuhe kaufen will, der Mann aber nicht. Das ist also das Gegenteil von Überraschung, trotzdem füllt Mario Barth Stadien. Bei Otto Schenk weiß jeder im Publikum, dass am Ende der Satz kommt „Publikum noch stundenlang/wartete auf Bumerang“. Trotzdem wird an der Stelle brüllend gelacht – weil Witz auch ein Ritual sein kann.

Ich kann Ihnen sagen, was ich lustig finde. Z. B. folgende Geschichte, die angeblich einem großen, dem Branntwein nicht abgeneigten Schauspieler einmal passierte. Beim Vortrag von Goethes „Erlkönig“ verirrte er sich im Reim und sagte „.... erreicht den Hof mit Not und Müh“ (statt „Müh und Not“), bemerkte, was ihm gerade passierte, und im Versuch, den Reim zu retten, machte er alles nur noch schlimmer: „... in seinen Armen das Kind war ... tü.“

Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, aber ich möchte daran glauben – ich finde, das ist vermutlich der beste Witz der Welt.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 31. Mai in der Kulisse Wien und am 8. Juni im Casino Baden zu sehen.