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30.09.2017

Wenn auch nicht unbedingt Latein

Über einen ganz besonderen Lehrer.

Ich habe viel von Ihnen gelernt.

Guido Tartarotti | über einen ganz besonderen Lehrer.

In der Oberstufe im Mödlinger Gymnasium hatten wir einen Lateinlehrer, der mit uns etwas sehr Wichtiges gemeinsam hatte: Er interessierte sich nicht für Latein. Oder besser: Er interessierte sich nicht dafür, einer Horde Pubertierender, die sich nicht für Latein interessierte, Latein beizubringen. Also zeigte er uns lieber Filme – unsere Schule hatte ein sogenanntes Videokammerl. Es lag im hintersten Winkel der von einer kafkaesken Architektur geprägten Schule.

Wir Schüler mochten das, vor allem deshalb, weil Filme zu sehen eben bedeutete, nicht Latein lernen zu müssen. Aber es dauerte nicht lange, bis selbst wir hormonell dampfenden Teenager, blöd wie 15 Meter Feldweg, instinktiv verstanden, wie unglaublich großartig die Welten waren, die Woody Allen, Scorsese oder Godard uns da anboten.

Am intensivsten ist mir „The Deer Hunter“ in Erinnerung, Michael Ciminos atemberaubende Geschichte über drei Freunde aus dem Stahlarbeiter-Milieu von Pennsylvania, die in Vietnam körperlich und seelisch zerstört werden. Damals begriff ich erstmals, dass Film mehr sein kann als ein Vorwand zum Schmusen.

Unser Lateinlehrer war ein Störenfried, ein Tänzer aus der Reihe, ein Unruhestifter, er glaubte mehr an Fragen als an Antworten, mehr an kritisches, waches Denken als an Anpassung, mehr an Mut als an Mitläuferei. (Bei der Latein-Matura sagte er plötzlich: „Ich gehe jetzt eine rauchen, das dauert sicher zehn Minuten.“ Und dann verließ er mit der zweiten Aufsichts-Lehrerin den Raum. Ich hatte so viel Anstand, nur ein „Gut“ zu schreiben, damit es nicht so auffiel.)

Unlängst zeigte 3sat „The Deer Hunter“, und ich war plötzlich beinahe wieder 16. Danke, Professor F., ich habe viel von Ihnen gelernt, wenn auch nicht unbedingt Latein.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm „Selbstbetrug für Fortgeschrittene“ ist am 5. Oktober in der Stadtgalerie Mödling zu sehen (also oberhalb vom Schrannenbeisl, wo wir gerne Asyl in geschwänzten Stunden suchten).